Talent – oder nicht?

Festzustellen, ob man selbst Talent zum Schreiben hat? Das ist schwieriger, als es sich anhört. Die Werke wenig begabter Autorinnen und Autoren füllen die virtuellen Regale des Kindle Store in gleichem Maße wie Stimmen wenig begabter Sängerinnen und Sänger die DSDS-Castingshows. Und es gibt noch weitere Parallelen: Bei DSDS muss man nicht der beste Sänger sein, um zu gewinnen, man muss sich nur besonders gut von RTL präsentieren (und hinterher vermarkten) lassen. Ähnlich ist es mit dem Buchmarkt: Bei der vorletzten „Druckfrisch“-Sendung (ARD) hat Denis Scheck von den zehn Titeln der aktuellen Belletristik-Bestsellerliste acht verrissen. Hier kommt auch viel Mittelmäßiges – oder schlichtweg Schlechtes – ganz nach oben, aber es stammt zumeist von Autorinnen und Autoren, die sich gut zu verkaufen wissen und die von ihrem Verlag gut vermarktet werden.

Wenn man anfängt zu schreiben und seine Werke nur den engsten Freunden oder der Familie zeigt, wird man viel wohlwollende Kritik (oder einfach pure Begeisterung) ernten, aber mitunter ist der Effekt dann derselbe wie bei einem krächzenden Knaben beim DSDS-Casting, der Bohlen & Co. gegenüber beteuert: „Alle sagen, ich kann voll gut singen.“ Man braucht möglichst objektive Kritik, und die findet man selten im engsten Umfeld.

Etwas objektivere Kritik bekommt man spätestens dann, wenn man sein Manuskript an einen Verlag schickt. Zumindest vermeintlich objektive Kritik. Aber diese fällt in den allerseltensten Fällen so aus, wie man es sich erhofft hat – was schon daran liegt, dass die Verlage zu viele unverlangt eingesandte Manuskripte bekommen. So kassierte z. B. Robert Schneider für Schlafes Bruder zunächst Absagen von 24 Verlagen. Inzwischen wurde der Roman in 36 Sprachen übersetzt. Man muss eben immer zur rechten Zeit am rechten Ort sein.

Bevor man den zweiten Schritt vorm ersten macht und an einen Verlag herantritt, sollte man sich zunächst einmal Gleichgesinnte suchen, denen man seine Texte zeigt. Andere Schreibbegeisterte findet man heutzutage über das Internet viel schneller als früher zur „analogen“ Zeit, und genauso einfach ist es, untereinander Texte auszutauschen und zu kommentieren.

Danheben gibt es Wettbewerbe, Stipendienprogramme, offene Lesebühnen, Literaturzeitschriften … Für die Auseinandersetzung mit der Verlagswelt bleibt immer noch Zeit, und die sollte man sich auch nehmen.

Denn als Autor braucht man vor allem eines: Geduld.

Ein Gedanke zu “Talent – oder nicht?

  1. Einer meiner Lieblingsautoren, Jasper Fforde, fand erst nach 76 MS-Ablehnungen einen Verlag. Aber dann entwickelten sich seine metafiktiven Thursday-Next-Bücher sogar zur Kultserie.
    Ich habe die ersten fünf Bände gebündelt besprochen.
    Wenn Du erlaubst, lasse ich nachfolgend den Link zu meiner Rezension hier:
    https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/05/01/thursday-next-band-1-5/
    Bibliophile Grüße
    Ulrike von Leselebenszeichen

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