Praxis: Dialog

Dialoge sind beim Schreiben von Prosa meist von ganz zentraler Bedeutung. Sie eignen sich gut dazu, die Handlung voranzutreiben, und sie sorgen für einen guten Lesefluss. Aber gerade beim Schreiben von Dialogen gibt es eine Reihe Fallstricke. Und das fängt bei ganz formalen Dingen an – wie der nun folgende Dialog zeigen soll.

*

„Ich finde das super. Ich kann hier reden und reden, und die Inquit-Formel kommt erst ganz am Ende. Das mag ich, das sieht klasse aus, als hätte ich ganz viel zu sagen und wäre ganz wichtig. Wirklich, ich fühle mich großartig dabei, schon viereinhalb Sätze, und jetzt kommt erst die Inquit-Formel“, sagte das schlechte Beispiel.
„Das glaube ich gern“, warf das gute Beispiel ein. „Aber für den Leser ist das nicht so schön, und das weißt du auch, oder?“
„Nein“, log das schlechte Beispiel.
„Ach komm, das ist doch Quatsch“, gab das gute Beispiel zurück. „Lüg mich nicht an. Und mach es dem Leser nicht so leicht – ‚lügen‘ sollte man als Inquit-Formel nun wirklich nicht benutzen.“
„Ich weiß nicht, was du meinst“, lächelte das schlechte Beispiel.
Das gute Beispiel schüttelte den Kopf. „Das wird ja immer schlimmer. Wie kann man denn einen Satz ‚lächeln‘?“
„Tja.“
Das schlechte Beispiel zuckte die Achseln.
„So ist das eben.“
„Moment mal.“ Das gute Beispiel sah das schlechte entgeistert an. „Was machst du denn jetzt? Wie soll der Leser denn da noch erkennen, wer was sagt und wer was tut?“ Es schüttelte den Kopf. „Weißt du nicht, dass man die Handlung des Sprechenden nicht durch Zeilenumbruch von dessen Dialogzeilen trennt?“
„Na gut, merke ich mir. Aber du machst mich ganz müde – ich muss gähnen und die Arme über dem Kopf ausstrecken“, sagte das schlechte Beispiel.
„Meinetwegen. Aber das musst du doch nicht sagen. Tu’s doch einfach! Im echten Leben würde das doch auch keiner sagen.“
„Hast ja Recht“, sagte das schlechte Beispiel.
„Ich weiß.“
„Besserwisser“, sagte das schlechte Beispiel leise.
Das gute Beispiel hob eine Augenbraue. „Noch etwas.“
„Was denn nun noch“, sagte das schlechte Beispiel.
„‚Sagte‘, ‚sagte‘, ‚sagte‘ … Ein bisschen Abwechslung bei der Inquit-Formel schadet auch nicht. Eben zum Beispiel hättest du dein ‚Besserwisser‘ ebenso gut ‚flüstern‘ können. Hast du ja eigentlich auch.“
„Hast Recht“, antwortete das schlechte Beispiel.
„Meisnt du das ernst?“
„Klar“, antwortete das schlechte Beispiel.
Das gute Beispiel sah sein Gegenüber streng an. „Hast du das alles tatsächlich verstanden?“
„Ja doch“, antwortete das schlechte Beispiel.
„Versprochen?“
„Versprochen“, antwortete das schlechte Beispiel.
Antwortete, antwortete … Das gute Beispiel seufzte. Das andere blieb eben doch, was es war – ein schlechtes Beispiel.

2 Gedanken zu “Praxis: Dialog

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