Erst lesen, dann schreiben

9XWFOW3MDF Annie SprattWir alle lesen, bevor wir schreiben. Damals, in der Grundschule, haben wir erst die Buchstaben gesehen – also gelesen –, bevor wir sie nachgeahmt und in unser Heft geschrieben haben. Buchstaben wurden zu Wörtern und diese zu Sätzen. Erst lesen, dann schreiben: Dieses Prinzip gilt immer und überall. Und selbst für absolute Profis.

Es ist aber auch nicht unwichtig, was man liest. Der britische Autor Neil Gaiman („American Gods“) hat einmal gesagt: „Wenn man Fantasy mag und der nächste Tolkien sein will, dann darf man keine großen Tolkien-artigen Fantasyromane lesen. Das hat Tolkien auch nicht getan. Stattdessen las er Bücher über finnische Philologie.“ Ich glaube, er hat durchaus Recht: Wer nur in dem Genre liest, in dem er selbst schreibt, wird über einen bestimmten Horizont nicht hinauskommen.

Sicherlich kann das auch funktionieren, und mit relativ dreisten Kopien berühmter Vorgänger sind schon viele erfolgreich geworden (gerade im Fantasy- und Jugendbuch-Bereich). Dennoch würde sich die Literatur nie weiterentwickeln, wenn die, die sie schaffen, immer nur um ein und dasselbe kreisen. Und das wäre doch schade. Ach, was sage ich: grausam!

Noch einmal zurück zu Gaiman. Dessen Fazit lautete: „Man muss Dinge lesen, die einen herausfordern, man muss seinen Horizont erweitern und dazulernen!“ Und dem kann ich nur zustimmen, auch aus eigener Erfahrung. Wenn ich beispielsweise einen Krimi schreibe, versuche ich möglichst keine anderen Krimis nebenbei zu lesen. Denn ich habe nicht das Gefühl, dass ich dort Inspiration finde, zumindest nicht dann, wenn ich gerade selbst im kreativen Prozess stecke. Mir hilft dabei auch, dass ich oft zugleich auch Sachbücher schreibe, die mich stilistisch und inhaltlich auf ganz andere Weise fordern – und für die ich ebenfalls viel lesen muss. Nicht über finnische Philologie wie Tolkien, aber auch über viele Dinge, die eher nicht die breite Masse interessieren.

Wenn wir lesen, nehmen wir vieles auf und speichern es quasi ab – nicht nur Handlung, Figuren, vermittelte Emotionen, auch Formulierungen, Stilmittel, sogar Orthografie und, an welchen Stellen Kommata gesetzt sind. Das passiert alles in der Regel gar nicht so bewusst, und es ist auch sicherlich unterschiedlich von Leser zu Leser, in welchem Maße das geschieht und welche Gewichtung die einzelnen Elemente haben. Aber das ist auch gar nicht so wichtig.

Umso wichtiger ist es, nicht wahllos irgendetwas zu lesen. Denn gerade was die Formalia betrifft, ist das Lesen von Selfpublishing-Romanen und im Internet veröffentlichten Texten sicherlich weniger förderlich als die Lektüre „echter“ Bücher, die in einem Verlag veröffentlicht wurden und um die sich zuvor ein Lektor gekümmert hat. Dazu sind die Lektoren schließlich da. Man muss nicht alle Klassiker der Weltliteratur gelesen haben (das schafft heute ohnehin kaum noch jemand), aber wer Prosa schreibt und noch nie Thomas Mann in der Hand hatte, dem wird ganz sicher etwas fehlen. Und wer mehr zu Papier bringt, als er liest, ist ebenfalls mit Vorsicht zu genießen. Das wusste der britische Gelehrte und Dichter Samuel Johnson schon im 18. Jahrhundert: „Ich möchte mich nicht mit jemandem unterhalten, der mehr geschrieben hat, als er gelesen hat.“

Fazit: Der erste Schritt einer Schriftstellerin oder eines Schriftstellers auf dem Weg zur Professionalisierung führte in der Regel zum Bücherschrank der Eltern oder in die örtliche Bücherei. Ich habe bislang eigentlich keinen Autor kennengelernt, bei dem das nicht so war.

2 Gedanken zu “Erst lesen, dann schreiben

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