Praxis: Muss es denn immer die Ich-Perspektive sein?

Vor allem bei vielen Texten sehr junger Literaten, die ich so zu sehen bekomme, fällt mir immer wieder auf, dass die Ich-Perspektive extrem hoch im Kurs liegt. Warum das so ist, mag viele Gründe haben. Kann sein, dass es geradezu naheliegt, wenn man zu Papier bringen möchte, was einen so beschäftigt. Steigt man sozusagen um vom Tagebuchschreiben auf das fiktionale Schreiben, ist der Übergang noch „fließender“.

Trotzdem: Die Ich-Perspektive birgt meiner Ansicht nach auch ein paar Gefahren, allen voran, dass man sich selbst – gerade als angehender Autor – allzu wichtig nimmt (Stichwort: Nabelschau). Oder doch zumindest die Figur, die den Text erzählt. Und darunter kann die Ausarbeitung oder Darstellung anderer im Text auftauchender Figuren leiden. Oft überträgt man auch allzu viele Eigenschaften von sich selbst auf den Erzähler, und das kann wiederum dazu führen, dass man seinen Erzähler nicht gut oder deutlich genug zeichnet; schließlich kennt man sich selbst am besten. Oder glaubt das zumindest.

Klar, auch viele große Literaten haben Romane geschrieben, die aus der Ich-Perspektive erzählt werden, wie Max Frisch, Raymond Chandler, der von mir sehr verehrte Frank Schulz und viele, viele mehr. Man denke nur an Moby Dick. Dennoch mein Plädoyer: Wer allzu schnell einen neuen Text mit „Ich …“ beginnt, sollte einfach mal eine andere Perspektive ausprobieren. Mag sein, dass der Text und der Leser davon profitieren. Oder man verfasst eine Geschichte mit einem Ich-Erzähler und schreibt sie komplett auf eine andere Perspektive um – das ist in jedem Fall eine gute Übung.