Praxis: die Hörspiel-Falle

„Mr. Wilkes!“
„M-hm. Der Hausherr. Und ich habe eine Pistole in der Hand.“

Diese unvergessenen Zeilen stammen aus Die drei ??? und der tanzende Teufel (1980), wohlgemerkt dem Hörspiel, nicht dem Buch von William Arden. Wer in Deutschland jünger ist als Jahrgang, sagen wir mal, 1970, ist in der Regel mit Hörspielen aufgewachsen. Von den Fünf Freunden in den 70ern über TKKG in den Achtzigern bis hin zu Benjamin Blümchen und Bibi & Tina. Das gilt auch für die meisten Autorinnen und Autoren, und natürlich verarbeiten sie – zumindest unbewusst – auch beim Schreiben diese Hörspiele, denn ins eigene Schreiben fließt ja jede literarische Erfahrung mit ein, und auch ein Drei-???-Hörspiel ist letztlich nichts anderes als eine literarische Erfahrung.

Leider führt dies mitunter dazu, dass Sätze wie: „Ich habe eine Pistole in der Hand“ auch in geschriebenen Texten auftauchen:
„Du hast ja schon wieder dein altes, zerbeultes Jackett angezogen!“ (Zumindest ein Adjektiv ist hier definitiv zu viel.)
„Du weißt doch“, sagte sie, „dass ich arbeitslos bin.“ (Ganz genau, er weiß es, aber warum sagt sie es dann? Klar: weil der Leser es noch nicht weiß.)
„Immer musst du das letzte Wort haben – auch jetzt wieder.“ (Danke, das hat man gerade selbst mitbekommen.)

Sicherlich hätte es auch im Hörspiel vom Tanzenden Teufel eine elegantere Lösung gegeben, dem Hörer mitzuteilen, dass der Kunsthändler Mr. Wilkes eine Pistole in der Hand hat – eine einfachere sicherlich nicht. Solche Sätze tauchen im Hörspiel ständig auf; besonders beliebt ist es, wenn eine Person einer anderen beschreibt, was gerade passiert, obwohl es beide sehen können. Klar: Man will nicht ständig den Sprecher bemühen. Dennoch – wie idiotisch der Satz „Ich habe eine Pistole in der Hand“ ist, macht man sich als Kind beim Hören zumeist gar nicht klar, da nimmt man das so hin. Aber beim Schreiben sollte man darauf achten, ob das, was eine Figur sagt, auch (1.) zu dieser Figur passt und (2.) in dem Sinne realistisch ist, dass es jemand auch im echten Leben sagen würde. Immerhin haben wir genügend andere Mittel, dem Leser mitzuteilen, was jemand gerade in der Hand hat.

4 Gedanken zu “Praxis: die Hörspiel-Falle

  1. Ich habe für ein Romanmentoren-Seminar einmal einen 8-Punkte-TÜV geschrieben, in dem das hier beschriebene auch auftaucht. Vielleicht interessiert er Deine Leser ja.
    1. Punkt: Stimmt bei jeder redenden Figur die Figurensprache? Redet jede Figur in der Szene genauso, wie es ihr Charakter, ihre Stimmung, ihre Erziehung etc. vorgibt?
    2. Punkt: Besitzt jeder Dialog etwas, das die Story vorantreibt, den Leser neugierig macht?
    3. Punkt: Klingen die Dialoge echt? Laut vorlesen (eventuell sogar mit verteilten Rollen) hilft hier, so manchen Knackpunkt noch zu entdecken.
    4. Punkt: Transportieren die Dialoge eine gewisse Spannung zwischen den Figuren?
    5. Punkt: Haben Sie überflüssige Inquit-Formeln verwendet? Sitzen alle Inquit-Formeln an der optimalen Stelle?
    6. Punkt: Ist stets klar, welche Figur spricht und sitzen die Absätze an den richtigen Stellen?
    7. Punkt: Haben Sie alle Adverbien auf ihre Notwendigkeit überprüft?
    8. Punkt: Gibt es in der wörtlichen Rede Informationen, die alle sprechenden Figuren besitzen und die nur dazu dienen, dem Leser etwas zu verdeutlichen?

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      1. „Inquit-Formeln“ geben im Dialog an, wer spricht, also sind z. B. „sagte er“, „antwortete sie“. Und es sind sicherlich wirklich Adverbien gemeint – z. B. Adverbien, die an den Inquit-Formeln dranhängen. Da ist oft weniger mehr („sagte er belehrend“).

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