Die Literatur und die breite Masse

Der deutsche Buchhandel klagt dieses Jahr über einen Rückgang der Verkaufszahlen, und zwar vor allem, weil es bislang keinen großen Bestseller à la 50 Shades of Grey gibt. Die Älteren unter uns mögen sich erinnern – als Harry Potter damals der große Hype war, hieß es allerorten: Endlich liest die Jugend wieder. Tatsächlich brach Joanne K. Rowling alle Rekorde, und zu Recht, denn die HP-Romane sind meiner Meinung nach eine der ganz großen literarischen Leistungen der letzten 20 Jahre. Aber haben sie damals das Leseverhalten der Menschen nachhaltig verändert? Schließlich hört man immer wieder die Unkenrufe, die jüngere Generation (und die Potter-Leser der ersten Stunde sind ja nun auch schon über 30) würde mehr im Internet surfen als ein Buch in die Hand nehmen.

Rein von der aufgewendeten Zeit her stimmt das sicherlich. Aber war das früher anders? Als man statt YouTube noch Fernsehen schaute?

Im Jahr, bevor der erste Harry-Potter-Roman in Großbritannien erschien, gab der große David Foster Wallace dem Magazin Salon ein in vielerlei Hinsicht interessantes Interview. Darin sagte er: „Literarische Fiktion und Lyrik werden heute immer mehr an den Rand gedrängt. Aber es ist ein Trugschluss, dem einige meiner Freunde oft anheimfallen, wenn sie sagen: ‚Das Publikum ist dumm. Das Publikum will nicht mehr wirklich in die Tiefe gehen.‘“

Kommt einem bekannt vor? Ganz recht; Menschen, die zum Kulturpessimismus neigen – und das tun mit Vorliebe Schriftsteller, die den Shades of Grey den Erfolg neiden –, von denen hört man immer wieder solche Sätze. Gerne auch, wenn Paolo Coelho („ein Autor, dessen … beispielloser grotesker Dilettantismus in umgekehrt proportionalem Verhältnis zu seinem Erfolg steht“ – Denis Scheck) mal wieder in der SPIEGEL-Bestsellerliste auftaucht.

David Foster Wallace schloss sich dieser Meinung jedoch nicht an. Er fuhr fort: „Die können gerne zusammen herumsitzen und einander bemitleiden, denn das ist alles Quatsch. Wenn eine Kunstform marginalisiert wird, dann geschieht das, weil sie die Menschen nicht mehr erreicht. Ein möglicher Grund dafür ist, dass die Menschen, zu denen diese Kunstform spricht, zu dumm geworden sind, um sie zu schätzen. Aber das erscheint mir doch ein wenig zu einfach.“

Ich glaube nicht, dass die Menschen zu dumm sind, um gute, anspruchsvolle Literatur zu lesen. Jedenfalls nicht alle, auch nicht die meisten. Und so lange ganz oben in der Bestsellerliste noch Romane wie Altes Land von Dörte Hansen oder Konzert ohne Dichter von Klaus Modick auftauchen, ist nichts verloren, im Gegenteil. Dann beweist dies, dass die Literatur als Kunst die Menschen eben doch noch erreicht. Die Masse ist heute nicht weniger dumm oder schlau als vor 20, 100 oder 1000 Jahren. Immerhin regte sich schon Sokrates darüber auf, dass die „Jugend von heute“ nichts mehr tauge. Man möge seine eigenen Schlüsse ziehen.

Ein Gedanke zu “Die Literatur und die breite Masse

  1. Eigene Schlüsse? Ich belasse es bei einem. Brot und Spiele wurden durch Schlag den Raab abgelöst. Und Schlag den Raab wurde längst durch einen der Gewinner des Webvideopreises abgelöst, ohne dass 30plus davon etwas gemerkt hat. Survival of the fittest. Und wer oder was nicht passt, wird fit, äh, passend gemacht.

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