Ich bin Gott

Wenn ich ein leeres Blatt vor mir habe, bin ich Gott. Ich kann alles bestimmen. Wer lebt, wer stirbt, in was für einer Welt die Menschen leben, ob es überhaupt Menschen gibt … Keine andere Kunstform lässt uns so aus dem Vollen Schöpfen und uns zugleich so sehr verzweifeln. Denn nichts kann beängstigender sein als das leere Blatt, auch diese Erfahrung werden die meisten, die Schreiben, schon gemacht haben.

Die Metapher des Schöpfers des Himmels und der Erde, des Gottes, der binnen sieben Tagen unser Universum geschaffen hat, lässt sich auf viele Aspekte des Autorendaseins übertragen. Von der Grundidee bis zum letzten Feilen an einem Roman wird die Welt, die ich geschaffen habe, immer reicher bevölkert. Und es kann durchaus vorkommen, dass mir alles so sehr missfällt, dass die Sintflut über die Welt hereinbricht – in Form der „Entf“-Taste oder des Windows-Papierkorbs. Und dass sich nur ein paar Figuren oder Ideen auf die „Arche“ retten können und überleben, bis eine neue Welt entsteht.

Jetzt, wo wir unsere Erde so sehr zugrunde richten, dass das Ende mehr denn je in Sicht ist, werden aber auch andere Facetten dieser Analogie deutlich: So muss jeder Gott aufpassen, dass er sich nicht mit bestimmten Elementen seiner Welt (wie „unser“ Gott mit den Menschen) so verzettelt, dass sie ihm alles wieder kaputtmachen. Im Zweifelsfall gibt es immer wieder Entwicklungen, Szenen, Plot-Stränge, sogar ganze Figuren, die wir opfern müssen, die wir umbringen, damit es weitergehen kann. Mehr dazu später einmal, beim schrecklich-schönen Thema „Kill your darlings“.

Ironischerweise ist dieser Definition nach die Bibel ja trotz allem doch das Wort Gottes, nur eben nicht des einen Gottes, sondern diverser Schöpfer, die sich die Geschichten darin ausgedacht und weitererzählt haben, bis sie irgendwann einmal auf Papier landeten.

Also, liebe Mit-Göttinnen und -Götter: Schaffet! Aber denkt immer daran: With great power comes great responsibility.

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