Praxis: Figurenbeschreibung – mit Beispielen

Weniger ist mehr, gerade wenn es darum geht, seine eigenen literarischen Figuren zu beschreiben. Vor allem in der Unterhaltungsliteratur hegt man jedoch meist noch die gegenteilige Überzeugung. Da liest man oft ausufernde Beschreibungen, die an Passagen wie diese hier in „Der schwarze Mustang“ von Karl May erinnern:

Der eine war semmelblond und hatte einen bei seiner Höhe geradezu lächerlich kleinen Kopf. Mitten unter zwei gutmütigen Mäuseäuglein saß ein winziges, aufwärts gerichtetes Stumpfnäschen, welches viel besser in das Gesicht eines vierjährigen Kindes gepaßt hätte und in gar keinem Verhältnis zu dem ungeheuer breiten Munde stand, welcher sich fast von dem einen Ohre bis zu dem andern zog. Einen Bart hatte der Mann nicht, und dieser Mangel schien ein angeborener zu sein, denn über dieses frauenglatte Gesicht war gewiß noch nie ein Schermesser gegangen. Er trug ein ledernes Wams, welches ihm wie ein kurzer Mantel faltenreich von den schmalen Schultern hing, dazu enge Lederhosen, welche seine Storchbeine fest umschlossen, halbhohe Schaftstiefel und einen Strohhut, dessen Krempe traurig herabhing und den aufgefangenen Regen in ununterbrochenen Fäden rund um ihn niederströmen ließ. Auf seinem Rücken hing, die Mündung nach unten gerichtet, ein Doppelgewehr. Das Pferd, welches er ritt, war ein kräftiger, starkknochiger Klepper, der gewiß schon fünfzehn Sommer hinter sich hatte, aber alle Lust zu besitzen schien, noch weitere fünfzehn ebenso rüstig zu erleben.

Nichts gegen Karl May, wirklich nicht, aber es hat seinen Grund, dass uns eine solche Beschreibung heute eher komisch anmutet. Und zwar unfreiwillig komisch. Natürlich kann man sich diesen Menschen jetzt sehr gut vorstellen (genau wie sein Pferd), aber geht das nicht auch etwas subtiler? Und: Muss das überhaupt sein? Schauen wir uns mal ein ganz anderes Beispiel an, den Anfang von Franz Kafkas „Das Schloß“:

Es war spät abends, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schloßberg war nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloß an. Lange stand K. auf der Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führte, und blickte in die scheinbare Leere empor. Dann ging er, ein Nachtlager suchen; im Wirtshaus war man noch wach, der Wirt hatte zwar kein Zimmer zu vermieten, aber er wollte, von dem späten Gast äußerst überrascht und verwirrt, K. in der Wirtsstube auf einem Strohsack schlafen lassen. K. war damit einverstanden.

Man erfährt über das Äußere von K. überhaupt nichts, Kafka verrät dem Leser nicht einmal den Namen seines Protagonisten, er heißt einfach „K.“. Reduzierter geht es nicht. Und dennoch entsteht bei uns beim Lesen unwillkürlich im Kopf das Bild eines Menschen – das sich im Übrigen während der Lektüre durchaus verändern kann. Kafka aber definiert seine Figuren eher über ihr Handeln als über ihr Äußeres. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Anfang von Kafkas „Prozeß“: Der Protagonist Josef K. wird verhaftet, „ohne daß er etwas Böses getan hätte“. Über das Äußere von Josef K. erfahren wir in der ganzen Szene überhaupt nichts, dafür wird der Mann, der ihn verhaftet, umso detailreicher beschrieben:

Er war schlank und doch fest gebaut, er trug ein anliegendes schwarzes Kleid, das, ähnlich den Reiseanzügen, mit verschiedenen Falten, Taschen, Schnallen, Knöpfen und einem Gürtel versehen war und infolgedessen, ohne daß man sich darüber klar wurde, wozu es dienen sollte, besonders praktisch erschien.

Beides baut eine ungeheure Spannung auf, und auch dass die Kleidung des Antipoden detaillierter beschrieben wird als der Mensch, trägt dazu bei. Ich selbst bin im Laufe der Zeit dazu übergegangen, immer weniger direkte Beschreibungen zu verwenden. Zwei Beispiele aus meiner Arbeit, zunächst aus meinem Roman „Transit“ von 2011:

Er blickte sich im Spiegel an.
Vierunddreißig, dachte er. Die ersten Falten. Und die Geheimratsecken werden auch immer größer … mit vierzig bin ich bestimmt so kahl wie mein Vater. Opa hatte sogar eine richtige spiegelglatte Glatze.
Ansonsten gefiel er sich eigentlich ganz gut. Er hatte nicht den muskulösen Körper eines Sportlers, aber immerhin war er noch nicht so in die Breite gegangen wie einige seiner Schulkameraden, die er noch regelmäßig zwischen Weihnachten und Neujahr traf. Ein Meter achtzig groß, mittelbraunes Haar, eine schmale Nase und ein markantes Kinn. Besonders dieses Kinn mochte Marie, wie sie immer sagte.

Hier habe ich versucht, meinen Protagonisten nicht kommentierend als Erzähler zu beschreiben, das wirkt, wie ich finde, immer sehr artifiziell. Stattdessen beschreibt er sich sozusagen selbst, als er sich im Spiegel ansieht. Als letztes Beispiel nun die Beschreibung des Protagonisten in meinem Krimi „Brook unter Räubern“ (2014):

Und vor allem war er ein grantiger sechsundfünfzigjähriger Witwer mit Übergewicht, bei dem nun langsam das Haar dünn wurde.

Das reichte mir für meine Zwecke. Meinetwegen kann sich jeder ab hier selbst sein Bild machen.

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