„Tausend Seiten Setz“

Ja, ich gebe es zu: Dicke Bücher schrecken mich ab.

Ein großes Buch ist ein großes Übel.

Ein wunderbares Zitat von Kallimachos, dem wichtigsten Protagonisten der hellenistischen Dichtung (4. Jh. v. Chr.). Allerdings richtete sich seine Kritik in erster Linie an die vielen wenig begabten Dichter, die zu seiner Zeit versuchten, Homer weiterzuschreiben (so wie aktuell Herr Lagercrantz mit der umstrittenen Fortsetzung der Stieg-Larsson-Trilogie). Klar, dass an Homer niemand heranreichte. Die logische Folge für Kallimachos: Da niemand mehr ein Epos schreiben kann, das es mit Ilias und Odyssee aufnimmt, müssen wir uns im Erzählen generell von der epischen Breite verabschieden und uns der kleinen, ausgefeilten Form zuwenden.

Das ist für uns heute natürlich alles kein Thema mehr. Trotzdem: Für zu dicke Bücher bin ich meist zu ungeduldig. Auch beim Schreiben – meine eigenen bislang fünf Romane sind alle unter 300 Seiten lang. Dabei war es bei meinem Debütroman tatsächlich die Zeitnot, die mich am Schreiben hinderte: Zwei Jahre saß ich bereits daran, doch dann hatte ich auf einmal einen festen Job als Verlagslektor, arbeitete 80 Stunden die Woche, und die Zeit zum Schreiben wurde knapp. Die 5–6 geplanten Kapitel, die erzählten, was meinem Protagonisten im Alter von 16–30 Jahren passiert, ließ ich am Ende kurzerhand fort. Aber im Nachhinein muss ich sagen: Diese Entscheidung war goldrichtig, denn das Wesentliche, das, worum es mir eigentlich ging, konnte ich auch mit dieser biografischen „Lücke“ rüberbringen. Und zwar prägnanter und stringenter, als ich es ursprünglich vorgehabt hatte.

Deshalb mein Plädoyer: Alles raus, was keine Miete zahlt! Versucht beim Schreiben immer im Hinterkopf zu haben: Muss das wirklich sein, ist das nötig? Und zwar nicht nur bei Adjektiven und Beschreibungen, sondern auch bei ganzen Plotpoints. Sich kürzer zu fassen, ist oft wirklich lohnenswert. Man muss dem Leser nicht alles und jedes ausbuchstabieren. Allzu oft lese ich Romane, bei denen ich hinterher der Überzeugung bin, man hätte ein Viertel streichen können.

Dabei gibt es natürlich auch diverse großartige dicke Romane, die keiner Kürzung bedurft hätten, wie Harry Potter und der Orden des Phönix (1024 S.) oder Infinite Jest von David Foster Wallace (1104 S.). Und dazu wird hoffentlich auch der neue Roman von Clemens J. Setz gehören, der seit gestern auf dem Couchtisch liegt (der Roman, nicht Setz) und auf Lektüre wartet: Die Stunde zwischen Frau und Gitarre (1028 S.). Ich muss nur eine anfängliche Scheu überwinden, überhaupt erst anzufangen.