Der erste Satz

»Folgen Sie diesem Heißluftballon!«

Das ist der erste Satz aus dem neuen Roman von Clemens J. Setz. Ein ganz großartiger erster Satz, wie ich finde, der mich zum Nachdenken darüber gebracht hat, wann und warum der erste Satz eines Romans so wichtig ist. Es gibt natürlich ganz legendäre erste Sätze aus der Weltliteratur wie: „Call me Ishmael.“ Oder: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ Hier braucht man nicht einmal die Titel zu nennen.

2007 kürten die Initiative Deutsche Sprache und die Stiftung Lesen den „schönsten ersten Satz“ – es gewann Günter Grass mit dem Butt, der so beginnt:

Ilsebill salzte nach.

Sprachlich sehr schön, wie ich finde, aber ganz sicher nicht mein Favorit in Sachen Romananfang. So richtig neugierig macht das nicht; da gab es in den letzten Jahren viel bessere erste Sätze. Fast alle meine Lieblingsromane der letzten fünf Jahre haben einen großartigen Anfang.

Anpassung im Leben ist alles, weiß Inge Lohmark.

So fängt Der Hals der Giraffe von Judith Schalansky an, und es ist tatsächlich ein Satz, der nicht nur wichtige Teile der Handlung zusammenfasst, sondern auch noch die Protagonistin besser charakterisiert als jede langatmige Beschreibung. Viel mehr kann ein erster Satz kaum leisten.

Da ist ein Mensch drin, auch wenn es nicht so scheint.

Einer der Protagonisten im ebenso kurzen wie großartigen Roman 3000 Euro von Thomas Melle ist ein Obdachloser, und die daran angeschlossene Beschreibung aus Sicht der Passanten, die „an dem Haufen“ vorbeigehen, trifft in vielerlei Hinsicht den Nagel auf den Kopf.

Mein erster Toter war ein Rentner.

Ein absoluter Knaller, dieser erste Satz aus Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war von Joachim Meyerhoff. Zumal die meisten Leser sicherlich vorher – zumindest via Klappentext – wissen werden, dass das hier kein Psychothriller o. Ä. ist, sondern eine Coming-of-Age-Geschichte. Auf jeden Fall macht der Satz neugierig, und das sollte ein solcher erster Satz ja möglichst auch. Wenn jemand in der Buchhandlung ein Buch in die Hand nimmt, das er noch nicht kennt, und die erste Seite überfliegt, sollte man als Autor ja auf irgendeine Weise sein Netz ausgeworfen haben.

Übrigens, der alte Ratschlag, den man in Schreibwerkstätten immer wieder hört: „Bloß nicht mit dem Wetter anfangen!“ wird sehr schön widerlegt durch den ersten Satz aus dem hervorragenden Roman Gegen die Welt von Jan Brandt:

Der Sommer war heiß und trocken.

Allerdings hat Brandt auch gute Gründe dafür, mit dem Wetter zu beginnen, und die Stimmung, die hier ganz unmittelbar erzeugt wird, ist durchaus wichtig für die Entfaltung des Plots.

3 Gedanken zu “Der erste Satz

  1. Auch Bernard Cornwells „The Pagan Lord“ widerlegt sehr schön den genannten Schreibratgebertipp :-):
    „A dark sky.“ Der Satz sagt irgendwie alles über das Buch aus und der Leser zappelt hilflos am Haken. Weil der Satz so kurz ist und man gleich den zweiten verschlingt:
    „The gods make the sky; it reflects their moods and they were dark that day.“

    Gefällt mir

  2. Der erste Satz bestimmt darüber, ob man vom ersten Moment an von einem Buch gefesselt ist oder nicht. Der letzte Satz entscheidet über den „Nachgeschmack“ und das Gefühl, welches ein Buch hinterlässt. Das klingt fast oberflächlich, aber wenn ich genau überlege, ist es wirklich oft der Anfang und das Ende, was mir nachhaltig im Gedächtnis bleibt- oder eben nicht. Viele Grüße

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s