Drei Fragen an den Lektor: Anvar Cukoski (Piper)

Was ist Ihr wichtigster Tipp für angehende Autoren?

Lesen! Wenn man nicht ein unwahrscheinliches Genie ist, wie es alle 50 Jahre nur einmal vorkommt, kann man gar nicht genug lesen. Und damit meine ich nicht: auf dem Sofa liegen und einen Roman nach dem Lustprinzip verschlingen, sondern sich die Bücher vorknöpfen, die man großartig findet, und dann nochmal lesen und ein drittes Mal. Ganz genau hinschauen, wie bestimmte Effekte erzielt werden. Wie wird eine interessante Figur eingeführt; wie funktioniert dieser tolle Dialog; wie wechselt der personale Erzähler zwischen den verschiedenen Fokusfiguren hin und her? Nur wenn man aufmerksam liest, kann man herausfinden, wie das mit dem Schreiben funktioniert.

Wie muss ein unverlangt eingesandtes Manuskript aussehen, damit es jemand ansieht?

Ganz ehrlich gesprochen: Es sollte mit einem Autorennamen versehen sein, den ich schon mal irgendwo gehört habe.

Ich halte das unverlangt eingesandte Manuskript für die wahrscheinlich schlechteste Methode, um einen Verlag für sein Manuskript zu interessieren, es landet meist nicht auf dem richtigen Schreibtisch. Es ist erfolgsversprechender, sich bei Wettbewerben und Stipendien zu bewerben, Lesungen zu machen, in Zeitschriften oder anderen Zusammenhängen zu veröffentlichen, Kontakte zu knüpfen etc. Dann wird man schon auf Sie aufmerksam werden. Oder zumindest ist es sehr viel wahrscheinlicher, dass Ihr Manuskript die Aufmerksamkeit bekommt, die ihm gebührt.

Falls Sie es trotzdem unbedingt probieren möchten: Ich brauche keinen großen Schnickschnack. Ein kurzes Exposé mit Pitch, Inhaltsbeschreibung und Vita. Im Idealfall ist noch eine Zielgruppendefinition dabei.

Und dann das gesamte Manuskript! Kein Leseproben, bitte. Ich kann mir selbst aussuchen, was ich weglasse. Wenn ich eine Leseprobe bekommen, ist die erstens meist nicht ideal ausgewählt, und ich stelle mir zweitens unweigerlich die Frage, was der Autor zu verbergen hat. Ich will schließlich den Film beurteilen, nicht den Trailer. Die Aufforderung auf den Websites von Verlagen, bitte nur Leseproben einzuschicken, dient meiner Meinung nach dazu, sich vor Papierbergen zu schützen. Vielleicht ist es aber auch nur eine persönliche Vorliebe von mir.

Auf keinen Fall Zeilennummern und auch keine Kopf- oder Fußzeile mit Autorenname und Titel oder gar Anschrift. Auch keine Seitenzahlen. Das ist nur lästig, wenn ich das Manuskript auf meinem e-Reader lese. Apropos: bitte per E-Mail und nicht per Post und bitte als Word-Datei, die lässt sich im besten für den Reader formatieren.

Wer oder was war für Sie die größte literarische Entdeckung der letzten Jahre?

So langweilig diese Antwort auch sein mag: Ich könnte keinen „meiner“ Autoren herausheben. Bei jedem einzelnen von ihnen habe ich ein unheimliches Glücksgefühl verspürt, als ich ihre Bücher das erste Mal gelesen haben. Und auch ansonsten fände ich es falsch, auch nur zwei gänzlich unterschiedliche Bücher gegeneinander auszuspielen. Natürlich haben mir manche Bücher mehr bedeutet als andere, aber ich weiß nicht, ob das was mit der literarischen Qualität zu tun hat. Hier also das Buch, das ich in den letzten beiden Jahren am liebsten gelesen haben: Taiye Selasis „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“.

Anvar Cukoski ist Lektor im Münchener Piper Verlag.

 

2 Gedanken zu “Drei Fragen an den Lektor: Anvar Cukoski (Piper)

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