Kill your darlings!

Lesen Sie sich durch, was Sie geschrieben haben, und wenn Sie eine Passage finden, von der Sie ganz besonders begeistert sind, dann streichen Sie sie!

Diese Worte stammen vom britischen Gelehrten, Schriftsteller und Literaturkritiker Samuel Johnson. Und so absurd sie klingen, so viel Wahres ist dran. Gerade bei den Textstellen, die einem besonders gut gefallen, zeigt sich in der Zusammenarbeit mit einem Lektor oft der (immer wieder diskutierte) Unterschied zwischen dem erfahrenen und dem unerfahrenen Autor: Letzterer kämpft verbissen um jede einzelne Zeile seines Textes, Ersterer hat mittlerweile begriffen, dass die Überarbeitung und die Textarbeit ein wichtiger Teil des künstlerischen Prozesses sind. Ein Schriftsteller sollte sich stets klarmachen, dass er kein Genie ist, das einen fertigen Text erschafft, sondern ein Handwerker, dessen Rohmaterial durchaus mal hier und da der Politur bedarf. Ein Künstler, sicher, auch das, aber eben auch ein Handwerker. (Wenn dieser Begriff in Deutschland nicht so abwertend verstanden würde, würde ich jetzt „Kunsthandwerker“ sagen.)

Es ist immer gut, wenn jemand „von außen“ auf den Text guckt, den man fabriziert. Im besten Fall tut das schon die Agentur, bevor man ein Manuskript beim Verlag einreicht. Oder Freunde und Bekannte. Aber Vorsicht – gerade an diesem einem Punkt sind schon Freundschaften zerbrochen, Ehen geschieden worden: der Maxime kill your darlings.

Diese Phrase stammt von William Faulkner, richtig populär wurde sie aber später, als Stephen King sie für sein Buch On Writing aufgriff und vehement vertrat:

Kill your darlings, kill your darlings, even when it breaks your egocentric little scribbler’s heart, kill your darlings!

Das heißt natürlich nicht, dass man wahllos Dinge streicht, die man gut findet. Im Grunde genommen geht es dabei vor allem um solche Passagen, an denen man als Autor sehr hängt, die aber aus irgendeinem Grund überflüssig geworden sind, zum Beispiel weil sich am Plot etwas geändert hat. Ein Beispiel aus meiner eigenen Arbeit: In meinem letzten Roman versöhnten sich die Protagonistin und ihr Exmann in der ersten Fassung am Schluss wieder, und bei der letzten Szene dieses Handlungsstrangs dachte ich: Die ist wirklich gut geworden. Dann aber rieten mir meine Erstleserin und meine Lektorin dazu, diesen Plotpunkt noch einmal zu überdenken, und am Ende musste die ganze Szene weg. Was für ein Glück! Die Lösch-Taste zu drücken war nicht leicht, aber das Ergebnis war am Ende wesentlich besser. (Übrigens fällt es einem leichter, ein solches „darling“ zu löschen, wenn man es in einem eigenen Dokument speichert. Wer weiß, ob man eine besonders gut geschriebene Stelle nicht woanders noch einmal gebrauchen kann?)

Den großartigen österreichischen Schriftsteller Wolf Haas habe ich ja bereits neulich einmal zitiert mit den Worten:

Ich habe schon oft ein langes Kapitel auf einen Satz zusammengekürzt. Das ist eine Zerstörungslust.

Ich habe auch schon ganze Kapitel eingedampft, auch solche, die ich wirklich gut fand. Lust habe ich dabei noch nie verspürt, aber vielleicht kommt das ja noch.

Ein Gedanke zu “Kill your darlings!

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