Das Hamburger Dogma

In den letzten Jahren ist es still geworden ums Hamburger Dogma – genau wie um sein filmisches Vorbild, das Dogma 95 von Lars von Trier, Thomas Vinterberg & Co. Bei beiden künstlerischen Konzepten ging es darum, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und überflüssigen Schickschnack in der Kunst wegzulassen. Bei den Dogma-Filmen wie Das Fest oder Mifune gab es keine Filmmusik, es wurden nur Handkameras verwendet, Filter oder Effekte kamen nicht in Frage.

Um die Jahrtausendwende herum fand sich in Hamburg eine Gruppe Autoren zusammen, der u. a. Michael Weins, Alexander Posch und Gunter Gerlach angehörten. Ihr Ziel war es, sich literarisch von der „Popliteratur“ abzusetzen, die damals mit Christian Kracht und Benjamin von Stuckrad-Barre in aller Munde war. Lou A. Probsthayn kommentierte: „Wir hatten einfach keine Lust mehr, schlecht geschriebene Bücher zu lesen.“ Eine verständliche Motivation.

Zusammen stellten sie acht Regeln auf, die sie als „Hamburger Vertrag der Autoren“ bezeichneten und die mit einigem PR-Brimborium (z. B. einer ausverkauften Lesung im hippen Hamburger Mojo-Club) unter die Leute gebracht wurden:

  1. Adjektive sollen vermieden werden. Wir unterscheiden zwischen wertenden und definierenden Adjektiven. Die wertenden Adjektive müssen vermieden werden. Ihre Bedeutung soll sich im Text durch andere Formulierungen erschließen.
  2. Gefühle sollen nicht benannt, sondern dargestellt werden. Wir wollen Gefühle nicht benennen, sondern beobachten, wie sie sich manifestieren.
  3. Gebrauchte Metaphern sind verboten. Metaphern sind nur dann erlaubt, wenn sie eine neue Verbindung herstellen. Außerdem sind alle Redewendungen verboten.
  4. Es muss im Präsens geschrieben werden. Das Präsens ist näher am Gegenstand.
  5. Ein Satz hat nicht mehr als fünfzehn Worte. Die Begrenzung der Satzlänge dient der Verständlichkeit.
  6. Die Perspektive darf nicht gewechselt werden. Perspektivwechsel sorgen für Distanz.
  7. Der allwissende Erzähler ist tot. Der Autor soll sich nicht über seinen Text erheben.
  8. Jeder Text, der das Hamburger Dogma erfüllt, soll vom Autor als solcher gekennzeichnet sein. Die Kennzeichnung der Texte soll lauten: Dieser Text erfüllt die Regeln des Hamburger Dogmas.

Es entstand bald sogar ein ganzer Roman nach den Regeln des Hamburger Dogmas, Goldener Reiter von Michael Weins. Trotzdem ließ die Kritik seitens der etablierten Medien nicht auf sich warten. So schrieb damals Stefan Beuse in der Welt:

Undenkbar zum Beispiel, ein Märchen im Präsens zu erzählen. Oder einen Generationen übergreifenden Roman wie die „Buddenbrooks“ aus der Ich-Perspektive.

Was ein doch eher unsinniger Einwand ist, denn es ging ja niemandem darum, bereits existierende Literatur durch den Wolf zu drehen. Niemand erwartete von „Nobelpreisträger Grass (…), dass er seine ‚Blechtrommel‘ komplett umschriebe“, wie das Hamburger Abendblatt höhnte. Im Gegenteil, es sollte ja gerade etwas Neues geschaffen werden. Und das ist in der Kunst ja in jedem Fall erstmal ein ganz hehres und unterstützenswertes Ziel. Nochmal Lou A. Probsthayn:

Wenn eine Szene mitten in der Großstadt spielt und plötzlich die Formulierung auftaucht, dass jemand wie angewurzelt stehen bleibt, passt das nicht zusammen. Dahinter steckt reine Faulheit. Wir fordern die Autoren auf, genauer hinzuschauen.

Das kann ich voll unterschreiben, wie auch andere Punkte des Dogmas. Regeln 1, 2 und 7 haben sich sogar mittlerweile recht weit durchgesetzt. Ob das nun mit dem Hamburger Dogma etwas zu tun hat, darf man natürlich bezweifeln, vielleicht lag auch einiges von dem, was sich darin manifestierte, einfach in der Luft. Aber es kann niemals schaden, sich beim Schreiben klarzumachen, was man da eigentlich gerade tut und warum.

Heute machen sich die „echten“ Hamburger-Dogma-Texte rar. Man erkennt sie gleich, dank der 8. Regel, aber mir persönlich ist in den letzten zehn Jahren nur ein einziger solcher Text unter die Augen gekommen. Dennoch war das erst letzten Herbst – und der Text war ziemlich gut. Und das zeigt: Es kann auch heute noch lohnen, sich einfach mal aus Spaß an die Dogma-Regeln zu halten. Oder einen existierenden Text zu nehmen und mal probeweise nach den Regeln umzuschreiben. Vielleicht gewinnt man ja neue Erkenntnisse oder entdeckt einen ganz neuen Stil für sich.

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