Gab’s das nicht schon irgendwo? – Intertextualität

Man kann nicht schreiben, ohne zu lesen. Und so sehr auch überall – so auch hier – postuliert wird, dass man erst einmal viel lesen muss, bevor man schreiben kann, ist doch die Frage: Wo bleibt all das, was wir gelesen haben? Finden wir Spuren davon in unseren Texten wieder? Und wie funktioniert das?

Die Literaturwissenschaft nennt dieses Phänomen Intertextualität. Dass Gelesenes in einen neuen Text einfließt, kann dabei auf zweierlei Weise geschehen. Entweder bewusst – z. B. bei einer Anspielung, einem Zitat, einem Plagiat oder einer Parodie. Interessanter wird es, wenn das Ganze unbewusst funktioniert. Die extremste Auslegung der Intertextualität behauptet sogar, dass man überhaupt keinen Text schreiben kann, in den nicht all das einfließt, was wir gelesen haben – vielleicht sogar, was wir überhaupt einmal in unserem Leben gelesen haben. Die Literaturtheoretikerin Julia Kristeva geht so weit, dass sie Schreiben als „zur Produktion, zur Tätigkeit gewordenes Lesen“ bezeichnet. Jede literarische Äußerung ist nach Kristeva eine Imitation, die das Original zu vollenden sucht. Im Sinne Platons imitiere der Dichter immer nur einen Akt der Schöpfung, der selbst schon eine Kopie sei – logisch: Auch die Schriftsteller, die wir lesen, haben ja ihrerseits viel gelesen, was sie wiederum verarbeitet haben und so weiter.

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Genau das versucht die Literatur aber immer gerne zu verschleiern. Der Philosoph Roland Barthes war der Ansicht, dass seit dem Dank der antiken Dichter an die Musen Metaphern der Elternschaft literarischer Werke immer dazu gedient haben, eine Illusion zu nähren – die Illusion nämlich, dass ein Text eine Bedeutung trägt, die der Autor und nur er in ihn hineingelegt hat, und dass der Text eine Einheit darstellt, die direkt durch die Person des Autors geschaffen worden ist. Dabei ist, laut Barthes, genau das Gegenteil der Fall. Jedes Wort, das ein Autor benutze, jeder Text, jeder Absatz und sogar jeder einzelne Satz habe seinen Ursprung in und seine Bedeutung von dem Sprachsystem, innerhalb dessen er entstanden ist. 1968 postulierte in einem berühmten Essay: „Der Autor ist tot.“ Dieser Satz richtete sich vor allem gegen den noch immer verbreiteten Genie-Gedanken – Barthes sprach dem Autor insofern jede Autorität ab, da er keine totale Kontrolle über seine Sprache, seine Kultur, seine Psyche und somit seinen Text habe. Daher sei auch die Figur des Autors keine natürliche Erscheinung, sondern eine kapitalistische Erfindung, um das Werk, als Buch, zum austauschbaren Wertobjekt zu machen. Zugleich beinhalte bereits der Name des Autors bestimmte assoziative Interpretationsansätze, anhand derer das Werk konsumiert werde.

Da ist sicher etwas dran. Man denke nur an Sebastian Fitzek, den erfolgreichsten deutschen Thriller-Autor – die einen mögen ihn, den anderen jagt allein der Name einen Schauer ganz anderer Art über den Rücken. Zu Letzteren gehört Deutschlands bekanntester Literaturkritiker, Denis Scheck, der verkündete:

Wie kann es sein, dass ein so talentloser, klischeeverhafteter und – mit Verlaub – dummer Autor wie Sebastian Fitzek landauf, landab von der deutschen Kritik als ‚Thriller-König‘ bejubelt wird?

Als Fitzek 2015 unter dem Pseudonym Max Rhode den Thriller Die Blutschule herausbrachte, beeilte sich der Verlag, über den Autonennamen auf dem Cover „Fitzek schreibt als …“ zu setzen. Denn Fitzek ist eine Marke. Das Risiko, zu wenige Bücher zu verkaufen, weil den Namen Max Rhode natürlich keiner kannte, wollte Bastei-Lübbe nicht eingehen. Und darauf, dass „durchsickerte“, dass Rohde eigentlich Fitzek ist, wollte Bastei-Lübbe nicht warten. Ähnlich war es ein paar Jahre zuvor bei J. K. Rowling, als sie den ersten Krimi aus der Feder von „Robert Galbraith“ herausbrachte.

Aber zurück zur Intertextualität. Am augenfälligsten wird die Funktionsweise unbewusster Intertextualität m. E. in der Unterhaltungsliteratur. Im Krimi und im historischen Roman gibt es feste Genre-Regeln, die sich bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen lassen. Die Autoren dieser Genres haben in der Regel viel aus ihrem Bereich gelesen, auch und gerade die Klassiker. Und da die Mehrheit dieser Autoren nicht so literarisch begabt ist wie etwa ein Wolf Haas, gelingt es ihnen nicht, so weit gegen die Genre-Regeln zu verstoßen, dass etwas wirklich Originelles dabei herauskommt. Dass man bei den meisten Krimis schon nach der Hälfte (wahlweise beim Tatort gegen 21:10 Uhr) weiß, wer der Mörder ist, ist da noch das kleinste Problem. Der Krimi ist zu einem Perpetuum Mobile geworden. Das Gleiche wird immer und immer wiedergekäut, und entsprechend langweilig ist es. Dass man viele Tatorte nur noch guckt, weil man zugleich twittert und sich so auf der Metaebene über die Sendung lustig macht, ist eine weitere Ausprägung desselben Problems.

Die Tatsache, dass bei uns alles „mitschwingt“, was wir irgendwann gelesen haben, führt im Idealfall nämlich nicht dazu, dass man etwas anfertigt, das letztlich nur ein Plagiat ist. Vielmehr kann die Erkenntnis, dass wir vielleicht deshalb die Ich-Perspektive wählen, weil wir die schon beim Fänger im Roggen genial fanden, auch etwas Befreiendes haben. Originell zu sein, bedeutet nicht, dass alles, was wir zu Papier bringen, neu sein muss und noch nie da gewesen sein darf. Das wäre auch gar nicht möglich.

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