Praxis: originell sein

Originell zu sein ist gar nicht so leicht. Ich habe schon von vielen Autoren gehört (und kenne es auch von mir selbst), dass man immer mal wieder das Gefühl hat: Das, was ich hier tue, haben schon tausend andere gemacht. Natürlich muss ein Text, den man schreibt, in irgendeiner Form originell sein, sonst bräuchte man ja gar nicht erst anzufangen. Aber was ist Originalität denn überhaupt?

Es ereignet sich nichts Neues mehr. Es sind immer dieselben alten Geschichten, die von immer neuen Personen erlebt werden.

Dieses Zitat stammt von William Faulkner. Und in vielerlei Hinsicht hat er Recht: Seit der schriftlichen Fixierung der Odyssee durch Homer (ca. 750 v. Chr.) hat sich die Plotstruktur der sogenannten „Heldenreise“ beispielsweise nicht großartig verändert. Aber macht das den Hobbit oder Tschick etwa weniger interessant?

Eines ist klar: Das Rad kann keiner neu erfinden. Aber wenn man nicht gerade Fantasy oder Science Fiction schreibt, geht es ja auch in der Regel nicht darum, sich etwas komplett Neues auszudenken. Zumal die meisten literarischen Texte auf drei Säulen aufbauen: dem, was man erlebt hat, dem, was man gelesen hat, und dem, was man sich ausgedacht hat.

Y4P32I1G1K Caio ResendeDie Originalität ist aber mitnichten nur in der dritten Säule zuhause. Sie kann sich auf vielerlei beziehen, nicht nur auf den Plot eines Romans (ein Beispiel aus jüngster Zeit: Ach, diese Lücke … von Joachim Meyerhoff), sondern auch auf die sprachliche Gestaltung (Beispiel: Der Pfau von Isabel Bogdan), auf die Struktur (Beispiel: In den Straßen die Wut von Ryan Gettis) oder die Gestaltung (Beispiel: Gegen die Welt von Jan Brandt). Und dann gibt es noch Romane, die in mehreren oder allen Bereichen punkten, wie Der goldene Handschuh von Heinz Strunk. Da kommt man dann mitunter schon in die Sphäre des literarischen Meisterwerks (so eben bei Strunk).

Und wie ist man nun originell? Regisseur Ernst Lubitsch sagte, als man ihn um seine Definition von Originalität bat, er stelle sich beim künstlerischen Prozess stets die Frage:

Wie wurde eine bestimmte Situation bisher gelöst, und wie kann man es anders machen?

Das ist, wie ich finde, eine wunderbare Anleitung. Und auch wenn Lubitsch seine Filme meinte: Sie lässt sich 1:1 auf jede andere Kunstform übertragen, so auch auf die Literatur. Die „Situation“ ist dann in unserem Fall ein Plotpunkt, eine Formulierung oder ein sonstiger Einfall.

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