Praxis: Charakterzeichnung

85D4IPPQ98

Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt.

So beginnt der Untertan von Heinrich Mann (1918). Die ersten Absätze des Romans beschreiben, wie Heßling aufwächst, und jedes kleine Detail, sein Charakter, was er erlebt und wie er sich verhält, auf seine Umwelt reagiert – all das charakterisiert diese literarische Figur und bestimmt ihren weiteren Werdegang. Es ist eines der eindrucksvollsten Beispiele von Figurenpsychologie, die ich kenne.

Es hat schon seinen Sinn, dass viele Autorinnen und Autoren sich in ihrem „früheren Leben“ eingehend mit Psychologie beschäftigt haben – sei es im Studium oder sonstwie im Beruf oder einfach interessehalber in der Freizeit. Ohne Psychologie geht es nicht; wenn man sich nicht für die Seele, die Gedanken, die Motivation seiner Figur interessiert, erschafft man nichts als holzschnittartige Abziehbilder, und vor allem gelingt es einem nie, eine glaubhafte Figurenentwicklung innerhalb eines Textes hinzubekommen.

Wie eine Figur redet und handelt – beides hängt selbstverständlich von ihrer Psyche ab. Das wusste schon Aristoteles in seiner Poetik (ca. 335 v. Chr.):

Man soll auch in der Zeichnung der Charaktere, ebenso gut wie in der Verknüpfung der Handlungen, stets (…) darauf bedacht sein, dass ein so beschaffener Charakter entweder nach Notwendigkeit oder Wahrscheinlichkeit rede oder handle, wie ja auch die eine Begebenheit auf die andere der Notwendigkeit oder Wahrscheinlichkeit entsprechend erfolgen muss.

Man muss seine Figuren also sehr gut kennen, damit sie auf nachvollziehbare Weise handeln und sprechen können – nachvollziehbar für den Leser, aber auch für einen selbst, als Autor. Im Einzelfall lässt sich das so weit auf die Spitze treiben, dass man in einem Dialog gar keine Inquitformeln mehr braucht, weil man an anderen Parametern – Sprache, Haltung – erkennen kann, wer spricht.

„Fantasie ist keine Flucht vor der Realität. Sie ist eine Möglichkeit, die Realität zu verstehen“, hat der US-Schriftsteller Lloyd Alexander einmal geschrieben. Das gilt m. E. sogar für die Fantasy – es ist generell ein Merkmal guter Literatur. Und eine nachvollziehbare, durchdachte Figurencharakterisierung hilft dabei ungemein.

Ein Gedanke zu “Praxis: Charakterzeichnung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s