Die Vorbilder der Vorbilder

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Es kann hin und wieder ganz spannend (vielleicht auch beruhigend) sein, sich daran zu erinnern, dass auch die großen literarischen Talente, die viele von uns als Vorbilder ansehen, wiederum Vorbilder hatten und viel, viel gelesen haben, bevor sie schrieben.

Oft und gerne verweisen Schriftstellerinnen und Schriftsteller auf die Klassiker. So gab Rolf Hochhuth Schiller als größtes literarisches Vorbild an, Witold Gombrowicz Shakespeare und John Irving Charles Dickens. Haruki Murakami, Peter Weiss und Joyce Carol Oates haben alle drei Franz Kafka als großen Einfluss genannt – genau wie Jonathan Franzen:

Kafka hat mir die Augen geöffnet gegenüber dem, was Literatur zu leisten vermag, und in mir überhaupt erst den Wunsch geweckt, selbst Literatur zu produzieren.

Dass Ray Bradbury die zwei bedeutendsten SciFi-Autoren aller Zeiten, H. G. Wells und Jules Verne, als Vorbilder genannt hat, wird niemanden erstaunen. Aber auch Vladimir Nabokov war ein Fan von H. G. Wells –  zumindest in jungen Jahren. Und auch später noch kommentierte er:

[H. G. Wellsʼ] Geschichten sind viel besser als alles, was Bennett oder Conrad oder überhaupt irgendwelche seiner Zeitgenossen produziert haben.

Jeffrey Eugenides wiederum sieht sich als von Nabokov und auch Tolstoi, Salinger und Henry James beeinflusst. Und von Gabriel García Márquez, der seinerseits auf Virginia Woolf als Einfluss verweist (zumindest was gewisse Techniken betrifft).

Das größte literarische Vorbild des Lyrikers Georg Trakl war Henrik Ibsen, der neben seinen bekannten Dramen ebenfalls Lyrik schrieb. David Foster Wallace nannte Thomas Pynchon als Vorbild, Thomas Pynchon wiederum Jack Kerouac, was ja auch durchaus Sinn ergibt. Truman Capotes Vorliebe für Jane Austen und Rilke erstaunt da schon eher – zumindest auf den ersten Blick. Brett Easton Ellis nennt als seine größten Vorbilder u. a. Raymond Carver, Stephen King, Philip Roth und Don DeLillo, aber auch Ernest Hemingway.

Von Letzterem ist übrigens eine besonders ausführliche Antwort auf die Frage nach den Einflüssen überliefert:

Mark Twain, Flaubert, Stendhal, Bach, Turgenjew, Tolstoi, Dostojewski, Tschechow, Andrew Marvell, John Donne, Maupassant, der gute alte Kipling, Thoreau, Captain Marryat, Shakespeare, Mozart, Quevedo, Dante, Vergil, Tintoretto, Hieronymus Bosch, Brueghel, Patinir, Goya, Giotto, Cézanne, Van Gogh, Gauguin, Johannes vom Kreuz, Góngora – ich würde einen ganzen Tag brauchen, um mich an alle zu erinnern.

Interessant ist, dass er auch Komponisten und Maler nennt. Das begründet Hemingway sogar: „Ich habe irgendwann angefangen, auch Maler in die Liste aufzunehmen, denn darüber, wie man schreibt, habe ich von Malern genauso viel gelernt wie von Schriftstellern.“ Wie das gehe? Das zu erklären, würde noch einen Tag dauern, so Hemingway. Wieso auch Mozart dabei ist, sei, so Hemingway, hingegen sonnenklar:

Dass man von Komponisten etwas über Harmonie und Kontrapunkte lernt, ist doch selbstverständlich.

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