Unter Strom – digital und/oder literarisch?

Ende Januar 2017 gebe ich zusammen mit Werner Irro an der Bundesakademie Wolfenbüttel ein Seminar zum Thema „Unter Strom: Twittern, Bloggen & Co.“ Dabei wollen wir uns damit beschäftigen, wie man neue digitale Formate literarisch nutzbar machen oder auch mit Literatur füllen kann. Der folgende Mailwechsel gibt einen Einblick in unsere Vorbereitungen. Es sind übrigens noch ein paar wenige Plätze frei.

Von: Cornelius Hartz [info@cornelius-hartz.de]
Gesendet: Sonntag, 13. November 2016 10:22
An: Werner Irro
Betreff: Unser Schreibseminar

Hallo Herr Irro,

ich habe eine gute neue Idee für unser Schreibseminar im Januar in Wolfenbüttel. Nämlich: Flarf-Lyrik! Kennen Sie das? Hier steht was dazu: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/themen/poesie-aus-dem-internet-googles-werk-und-autors-beitrag-11055965.html

Sie können ja schon mal reinschauen. Wenn Sie wollen, „schreibe“ ich inzwischen mal selbst einen Flarf-Text und schicke ihn Ihnen dann.

Beste Grüße
Cornelius Hartz

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Von: Werner Irro [wortinstitut@t-online.de]
Gesendet: Sonntag, 13. November 2016 18:17
An: Cornelius Hartz
Betreff: AW: Unser Schreibseminar

Lieber Herr Hartz,

da hat sich Olaf Kutzmutz etwas richtig Gutes ausgedacht: Mal schauen, was dabei herauskommt, wenn wir literarisches Schreiben und Schreiben „unter Strom“ zusammenbringen. Und herausfinden, was ihr jeweils Eigenes ist. Ihre Eigenart, ihre Möglichkeiten, ihre Entstehungsbedingungen. Wir untersuchen das nicht als Oberseminar, sondern als Schreibgruppe. Wir machen zusammen das, was jeder Schriftsteller immer schon für sich allein macht: ausprobieren, eine Szene aus einer bestimmten Perspektive erzählen, eine Figur sprechen lassen, einen Ton finden, was zunächst ja nur heißt: einen, den richtigen Ton suchen.

Was aber meint jetzt „unter Strom“? Dass wir das Smartphone als Stift benutzen, SMS/Twitter als begrenztes Blatt, das Blog als Tagebuch? Meint es, an die Stelle von literarischem Schreiben aus traditioneller Perspektive ein Schreiben zu setzen, das einen neuen Literaturbegriff für sich reklamiert? Oder meint es, literarisches Schreiben zeitgemäß zu vermarkten, indem man sich der Leser findenden, Gemeinschaft herstellenden neuen Kommunikationsformen bedient? Weil man sich auf die eingespielten herkömmlichen Vermittlungsinstanzen (Zeitungen, Kritiker, Buchhändlerinnen, Verlagsaura) nicht mehr verlassen mag?

Ich fürchte, ich stehe als die eine Hälfte des Dozentenduos für das Herkömmliche, für eine Literatur, wie wir sie kennen und schätzen und in Buchform lesen. Sie würden dann für das neue stehen. Das könnte spannend werden. Geht es mit Ihrem Flarf-Gedicht los? Wird es überhaupt Ihres sein? Oder wem ist es zu verdanken?

Beste Grüße
Werner Irro

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Von: Cornelius Hartz [info@cornelius-hartz.de]
Gesendet: Montag, 14. November 2016 11:48
An: Werner Irro
Betreff: Re: AW: Unser Schreibseminar

Lieber Herr Irro,

sehr gerne, hier das erste Flarf-Gedicht. In erster Linie ist es natürlich Google zu verdanken, in zweiter mir (oder doch andersherum? Darüber wird noch zu reden sein …).

Zwei Stück habe ich im Angebot, beim ersten habe ich bei Google nach „Hochhaus“ + „Klette“ gesucht.

Hochhaus

Eines sonnigen Mittwochmorgens
war das Hochhaus weg.

Unbenetzbarkeit
Bruchsichere Strukturen

Die Spitzen der
beiden Hochhäuser
sich verstecken
nur wenige Autominuten
starre Streben bei Sturm

Konsumeigene Grundstücke
Mit anderen Worten.

In einen Tweet würde das natürlich gar nicht passen – da gäbe es dann (ver-dichten!) diese Fassung:

Eines sonnigen Mittwochmorgens
war das Hochhaus weg.
Bruchsichere Strukturen
sich verstecken
Konsumeigene Grundstücke
Mit anderen Worten.

Was halten Sie davon?

Beste Grüße
Cornelius Hartz

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Von: Werner Irro [mailto:wortinstitut@t-online.de]
Gesendet: Mittwoch, 16. November 2016 07:28
An: Cornelius Hartz
Betreff: Flarf und ich

Lieber Herr Hartz,

ich schicke Ihnen meinen ersten Kombinationsversuch: Hochhaus + Hotel + Liebe. Mit Googles Hilfe und copy+paste wird daraus, zum Beispiel:

Vielleicht wäre es besser

Umgeben von höchsten Bergen
Genießen
Zu zweit
Aber zentral

Ein Faible für Oldtimer
„Snobby“?
Überhaupt stilvoll
Schlendern

In einer großen Stadt
Rooftopbars
Langsam und entspannt
Eine verschlossene Eingangstür

Bin überrascht, wie gern ich herumgespielt habe. Herausgekommen dabei ist möglicherweise kein Gedicht, zumindest kein gutes, der Text schaut aber so aus wie eines. Und da es uns ja zunächst nicht um Flarf oder 140 Zeichen oder Kurznachrichten geht, sondern um die Frage, was macht einen Text aus, einen Vers, einen Satz, habe ich noch bei einem wirklichen Lyriker geblättert. Bei Hendrik Rost finde ich in seinem neuen Buch „Das Liebesleben der Stimmen“ (Wallstein Verlag) folgendes Gedicht:

Hotel Athena

Ein Leben lang oder länger werde ich schlafen,
hoffentlich, und wenn du mich suchst,

schick mir einen Traum, nagle einen gültigen
Gedanken mit ausgebreiteten Flügeln

ans Haus, damit ich keine Angst vor Eulen
bekomme – oder Scharfsicht. Ich schlafe
(…)

Wie schön, ein Ich zu hören. Welche Kraft doch in Verben steckt! Was für einen Raum ein bewusst gesetzter Name öffnet. Usw.

Munition für den nächsten Schreibversuch?

Herzlichen Gruß
Werner Irro

______________________

Von: Cornelius Hartz [info@cornelius-hartz.de]
Gesendet: Donnerstag, 17. November 2016 17:27
An: Werner Irro
Betreff: Re: Flarf und ich

Lieber Herr Irro,

sehr gut. Sie haben ganz Recht, die Frage nach dem Literarischen, dem Lyrischen muss sich da zwangsläufig stellen, ist aber m. E. nicht so einfach zu beantworten – ist es denn wirklich kein Gedicht? Wie definieren wir „Gedicht“ denn dann?

Aber vielleicht taugt Flarf ja auch eher dazu, es als Grundlage für etwas ganz anderes, Neues zu nehmen. Oder vielleicht eher noch: Als Fundgrube für Ideen, die zum Schreiben anregen.

Und um das Ver-Dichten zu üben! In diesem Sinne, hier noch der Versuch einer Twitter-Version Ihres Flarf-Textes:

Umgeben von höchsten Bergen
Zu zweit aber zentral

In einer großen Stadt
Rooftopbars
und eine verschlossene Eingangstür

Vielleicht wäre es

Beste Grüße
Cornelius Hartz

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Von: Werner Irro [mailto:wortinstitut@t-online.de]
Gesendet: Montag, 21. November 2016 08:13
An: Cornelius Hartz
Betreff: Lockerungsübungen

Lieber Herr Hartz,

wie nähert man sich etwas ganz anderem, etwas wirklich Neuem?

Was „unter Strom“ geschieht, ist zunächst einmal vor allem: Ich mache etwas. Ich schreibe etwas. (Mein Kritikerauge soll jetzt mal bitteschön zubleiben.) (Warum gleich bewerten.) Das kann man ohne Weiteres erst mal als gut bezeichnen. (Nein, du bleibst zu. Deine Meinung ist nicht gefragt.)

Es gibt eine strenge Form. 140 Zeichen als Handschellen. Oder als Spielfeld. Konzentrierte Lockerungsübungen. Der Blog als Rahmen. Und das Ich als Sender. (Will der Sender zugleich Autor sein? Oder spielt das, zunächst, gar keine Rolle?) Ich unterhalte mich mit anderen.

Hier unterhalte ich mich mit Ihnen, Herr Hartz. In 139 Zeichen:

Expedition ins Ungewohnte. Wir setzen Segel und suchen Neuland,
indem wir anders schreiben. Anderes schreiben. Handschellen oder Spielraum?

Einen herzlichen Gruß
Werner Irro

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Von: Cornelius Hartz [mailto:info@textbuero-dr-hartz.de]
Gesendet: Montag, 21. November 2016 09:22
An: Werner Irro
Cc: Olaf Kutzmutz
Betreff: Re: Lockerungsübungen

Lieber Herr Irro,

tja, Handschellen oder Spielraum – ist das nicht bei jeder literarischen Form die Frage?
Zugegeben, bei der extremen Platzvorgabe des Tweets tendiert man automatisch zu Ersterem.

Andererseits hat ja die Ankündigung von Twitter letztes Jahr, die Beschränkung auf 140 Zeichen aufzuheben, zu einem echten Proteststurm der User geführt. (Will man manchmal auch die Handschellen?)

Ich habe mal Olaf Kutzmutz von der Bundesakademie ins CC gesetzt.

Lieber Herr Kutzmutz, Sie twittern ja auch viel und gern, und es sind auch manche Kleinodien der Reduktion dabei. Was meinen Sie? Handschellen oder Spielraum? (Beziehungsweise #HandschellenoderSpielraum …)
Wie hätten Sie es gefunden, wenn man auf einmal (wie bei Facebook) unendlich viele Zeichen bei Twitter hätte?

Beste Grüße
Cornelius Hartz

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Von: Olaf Kutzmutz [mailto:xxx@xxx.de]
Gesendet: Montag, 21. November 2016 10:50
An: Cornelius Hartz
Cc: Werner Irro
Betreff: AW: Re: Lockerungsübungen

Lieber Herr Hartz,

der Textspielraum braucht  enge Grenzen. Die begrenzten Zeichen zwingen diszipliniert zu schreiben (und zu denken) und schaffen eine Kreativität, die anders nicht herstellbar wäre. Und in Hinblick auf Leser bietet die Kultur der kleinen Häppchen einen anderen Anreiz zuzugreifen.

Beste Grüße
Olaf Kutzmutz

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