Schreiben? Erleben!

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In einem vielbeachteten Artikel in der ZEIT schrieb sich Florian Kessler vor einiger Zeit geradezu den Frust von der Seele. „Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!“ hieß der Beitrag, und es ging um die Tatsache, dass die junge deutsche Literatur, vor allem in Form der Absolventinnen und Absolventen der Studiengänge in Hildesheim und Leipzig, immer gleichförmiger werde, geradezu „brav und konformistisch“, wie er schrieb. Man konnte Kessler, seines Zeichens Kulturjournalist, Autor, ehemaliger Mitherausgeber der Literaturzeitschrift Bella triste und seit 2015 Lektor bei Hanser, schon zutrauen, dass er weiß, worüber er schreibt.

Der ersten Generation der Popliteraten reichte es, sich an die Wetten-dass ..?-Abende ihrer Kindheit und die getunten Golf GTIs ihrer Jugend zu erinnern oder ihre eigene Oberflächlichkeit auf Papier zu zelebrieren. Über diesen Punkt ist die deutschsprachige Literatur zum Glück wieder hinweg, aber wenn man sich viele Beiträge beim Open Mike oder in Klagenfurt anhört, kann man schon den Eindruck gewinnen, dass da viele einfach nur um sich selbst kreisen – und in ihrem Leben eigentlich noch gar nichts erlebt haben.

In einer TV-Talkshow sagte Reinhard Mey einmal: „Es ist viel einfacher, über etwas zu schreiben, was man selbst erlebt hat, als sich etwas auszudenken.“ Was Ronja von Rönne, die mit in der Runde saß, sofort bestätigte. Natürlich kann es nicht jeder Finn-Ole Heinrich gleichtun, der sich nach dem Erfolg mit seinem Debütroman Räuberhände und der preisgekrönten Maulina-Schmitt-Trilogie erst einmal eine Auszeit nahm und mit seiner Freundin ein halbes Jahr durch Ost- und Westeuropa reiste. Denn er wusste ganz genau: Wer schreiben will, muss erstmal was erleben.

Dabei ist der Plot eines Buches natürlich auch nicht alles. Wer sich total interessante Stories ausdenken kann, aber keine literarische Begabung hat, ist vielleicht besser als Drehbuschreiber beim Fernsehen aufgehoben. Aber es gibt auch das Gegenbeispiel.

Gerade im letzten Jahr gab es unter den (IMHO) 10 besten Romanen drei, die inhaltlich oder in puncto Plot gar nicht so viel hergaben. Die aber stattdessen ein unglaubliches sprachliches Können (Teresa Präauer: Oh Schimmi) unter Beweis stellen oder den Willen, neue Formen zu finden  (Jarett Kobek: Ich hasse dieses Internet). Oder, streckenweise, beides (Antonia Baum: Tony Soprano stirbt nicht).

Aber auch um sich sprachlich zu schulen oder einfach auf neue Ideen zu kommen, kann man nur allen Schreibenden raten: Haltet die Augen und die Ohren offen! Nehmt im Bus die Stöpsel aus den Ohren, steckt im Café das Smartphone weg, und hört euch an, wie und was die Leute reden.

3 Gedanken zu “Schreiben? Erleben!

  1. Hat dies auf Schreiben beflügelt ! rebloggt und kommentierte:
    Danke, Cornelius Hartz… über Hildesheim wird immer viel geredet, über die Alice-Salomon-Hochschule mit ihrem M.A.-Studium Biografisches und Kreatives Schreiben nicht. Nun ist der Studiengang dort auch keine klassische Literaturschmiede, beim biografischen Schreiben kreist man ja in der Tat erst einmal um sich selbst. Aber auch daraus kann Literatur entstehen. Wobei sich die Autoren, die hier hervorgehen, eher in der Sachbuchecke tummeln. Aber ab und zu, da hört man in der Stille des Studienraums dann doch sehr authentische Stimmen – gerade weil die hier produzierten Texte nicht so geformt sind durch das, was das Feuilleton als Literatur preist, und weil sich an dieser Stelle keiner darum schert. Befreiend! LG Sudi

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  2. Was die Leute reden und etwas erleben sind meiner Meinung nach zwei Paar Schuhe. Gerade sich aus der Welt auszuklinken, indem man Kopfhörer aufsetzt, schafft mitunter jene Distanz, die man braucht, um die Dinge in der Klarheit zu erfassen, um sie dann stilecht zu Papier bringen zu können.

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