Praxis: unterschiedliche Perspektiven

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Das Spiel mit unterschiedlichen Perspektiven kann sehr reizvoll sein, ob man es nun zur Gestaltungsgrundlage eines langen Textes macht, so z. B. den ganzen Aufbau eines Romans bestimmen lässt, oder nur hin und wieder als Stilmittel einfügt.

Beim Thriller The Girl on the Train von Paula Hawkins werden die Kapitel in der Ich-Perspektive von verschiedenen Figuren erzählt, aber jeweils mit dem gleichen Aufbau: Jedes Kapitel ist mit Tag und Datum bezeichnet und besteht aus einem Teil „Morgens“ und einem Teil „Abends“. Die meisten Kapitel sind aus der Sicht der Protagonistin geschrieben. Anders bei Fremd von Ursula Poznanski und Wulf Dorn. Hier gibt es zwei gleichwertige Protagonisten, einen Mann und eine Frau. Die Kapitel wechseln einander ab, die ungeraden sind aus ihrer Sicht erzählt, die geraden aus seiner Sicht (jeweils mit Ich-Erzähler). An sich erinnert dies an eines der ältesten Stilmittel des Romans: den Briefroman. Was Fremd so spannend macht, ist die Tatsache, dass sich die beiden Perspektiven (zunächst) komplett ausschließen: Sie steht in der Küche, und ein Fremder kommt herein, den sie noch nie gesehen hat. / Er kommt in die Küche, und da steht seine Ehefrau und behauptet, ihn nicht zu kennen.

Man kennt so etwas vor allem vom Film her: In Tarantinos Jackie Brown gibt es eine Szene im Kaufhaus, die aus zwei verschiedenen Perspektiven gezeigt wird. Hier dient die Wiederholung dazu, weitere Details zu offenbaren, die erst zusammen ein Gesamtbild ergeben. Genauso geht Ryan Gattis in seinem packenden Roman All Involved (dt.: In den Straßen die Wut) vor, der während der Unruhen 1992 in Los Angeles spielt und gleich ein Dutzend Protagonisten nacheinander zu Wort kommen lässt.

Einen anderen Weg schlägt die grandiose US-Fernsehserie The Affair ein, bei der ein und dieselbe Geschichte abwechselnd aus mehreren Perspektiven erzählt wird. Was The Affair aber noch interessanter macht: In wichtigen (objektiven) Details unterscheiden sich die Darstellungen. Es geht also nicht nur um verschiedene Perspektiven, sondern wir haben nicht einmal einen verlässlichen Erzähler – eine ganz spannende erzählerische Voraussetzung.

Der Roman Every Day (dt.: Letztendlich sind wir dem Universum egal) von David Levithan treibt das Spiel mit Perspektiven und Identitäten auf die Spitze, und das, obwohl er aus der Ich-Perspektive erzählt ist und immer denselben Erzähler hat: Denn hier ist der Protagonist ein (geschlechtsloses) Wesen, das jeden Morgen im Körper einer anderen Person aufwacht und diese Person einen Tag lang ist. Ein spannendes Experiment, das – so unglaublich es klingt – tatsächlich funktioniert.

Es gibt noch viele weitere Möglichkeiten, mit der Perspektive zu spielen. Man muss sie nur entdecken. Allerdings ist es bei der Darstellung unterschiedlicher Perspektive vielleicht noch wichtiger als sonst, seine verschiedenen Charaktere genau zu kennen und zu wissen, in welcher Situation sie wie auf wen reagieren. Sonst bleibt das Spiel mit den Perspektiven ein blutleeres Gimmick, und so etwas verzeihen einem die Leser meistens nicht.

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