Vom Schreiben leben

Der folgende Text ist eine gekürzte Fassung eines Vortrags, den ich im April 2017 in der Bundesakademie Wolfenbüttel im Rahmen der Tagung „Laborwerte“ gehalten habe.

Letztes Jahr wurde ich von einer Schule im Hamburger Norden eingeladen, um vor mehreren Klassen aus meinem letzten Roman zu lesen und Fragen der Schülerinnen und Schüler zu beantworten. Das aktuelle Thema im Lehrplan in Deutsch lautete „Autoren“, wie mir mitgeteilt wurde, und da sei es doch eine wunderbare Idee, einen Schriftsteller einzuladen, den die Jungen und Mädchen fragen konnten, was sie schon immer einen Schriftsteller hatten fragen wollen. An zwei Tagen las ich vor je drei 10. Klassen, und an beiden Tagen wurden mir Fragen gestellt. Hier die drei Fragen, deren Antwort die Schülerinnen und Schüler an beiden Tagen am meisten interessierten: Wie viel verdienen Sie im Monat? – Wie viel verdienen Sie an einem Buch? – Was für ein Auto fahren Sie?

Was antwortet man da? Sagt man: „Ich kann mich nicht beklagen?“ Oder ist man ehrlich? Sagt man: „Ich bekomme 80 Cent pro verkauftem Buch, von denen mein Agent noch 15 Prozent kassiert?“ So lautete zumindest meine ehrliche Antwort auf Frage zwei. Die Antwort auf Frage eins geht natürlich keinen etwas an – genauso wenig, wie viele Bücher ich denn bisher verkauft habe (als ob ich das selbst so genau wüsste). Wenigstens beim Auto konnte ich guten Gewissens sagen: „Ich fahre Mercedes“, was für anerkennende Blicke sorgte; mein Glück, dass man sich in der 10. Klasse noch nicht für die Preise auf dem Gebrauchtwagenmarkt zu interessieren scheint – und natürlich band ich keinem auf die Nase, dass mein Auto älter war als die meisten der anwesenden Schüler. Bevor die Schüler nachrechnen konnten, wie viele Bücher ich im Monat verkaufen muss, um davon leben zu können, kamen weitere Fragen, und zwar endlich solche, wie man sie als Autor nach jeder Lesung hört – inklusive dem unsterblichen Klassiker: „Wie kommen Sie auf Ihre Ideen?“

Für eine Karriere als Schriftsteller habe ich mich nie aktiv entschieden. Als ich meinen ersten Roman schrieb, war ich noch an der Uni und promovierte. Einen Verlag fand ich für das Buch während eines Praktikums im Lektorat, und als es im Jahr darauf erschien, war ich als Lektor fest angestellt – in eben jenem Verlag, der meinen Roman herausbrachte. Ich hatte mich also selbst zu betreuen, was ich in meiner Autorenvita für die Presse aber wohlweislich verschwieg. „Ist im Verlagswesen tätig“, mehr brauchte ja keiner zu wissen. Mein Erstling kam auf die Shortlist des Sir-Walter-Scott-Preises für historische  Romane, aber ein Bestseller war er nicht – wie auch sonst nichts in dem Verlag. Es war also nicht daran zu denken, vom Schreiben zu leben, aber ich hatte ja auch einen festen Job. Der allerdings war so schlecht bezahlt, dass ich auf den Vorschuss für den Roman angewiesen war, um wenigstens einmal in den zwei Jahren die ich als Verlagslektor arbeitete, in den Urlaub zu fahren.

Eingespielt hat das Buch den Vorschuss bis heute nicht, doch seit es 2008 erschien, ist viel passiert. Um mein karges Lektorengehalt aufzubessern, schrieb ich damals auch mein erstes Sachbuch, und nebenbei rutschte ich auch noch ins Übersetzerdasein ab. Als ich dann endlich genug hatte vom 60-Stunden-Job, kündigte ich und endschied mich für einen 70-Stunden-Job, der aber viel besser bezahlt war: Ich machte mich selbständig, als Übersetzer, Lektor und Autor. Die ersten Jobs gab ich mir noch selbst, kurz bevor ich beim Verlag aufhörte, und auch in der Folge arbeitete ich viel für meinen ehemaligen Arbeitgeber. Außerdem machte es sich bezahlt, dass die Gehälter in meinem Verlag so gering waren: Diese Tatsache führte nämlich zu einer ziemlich hohen Fluktuation in der Belegschaft. Und so waren mehrere meiner ehemaligen Kolleginnen längst bei anderen Verlagshäusern, und so erweiterte sich mein Kreis an Auftraggebern für Übersetzungen, Lektorate und Auftragsarbeiten nach und nach. Und das tut er noch immer.

Inzwischen habe ich 5 Romane und 15 Sachbücher herausgebracht, aber leben kann ich vom Schreiben immer noch nicht. Zwar summiert es sich nach und nach – von den 20 Büchern sind immerhin 19 noch auf dem Markt, und wenn man keinen echten Bestseller landet, kann man das durch die schiere  Menge an Titeln etwas ausgleichen. Doch das meiste Geld verdiene ich mit Übersetzungen und Lektoraten; das Schreiben finanziere ich also quer.

Wenn man sich überlegt, dass ein mittelgroßer Verlag dem Autor für ein Buch von 300 Seiten 2000 Euro Vorschuss zahlt, einem freien Lektor für das Lektorat eines Buches von dieser Länge aber bereits ein Honorar von 3000 Euro und dem Übersetzer sogar 7000 Euro plus Beteiligung, so lohnt sich das Ganze zumindest auf den ersten Blick vor allem für den Lektor und den Übersetzer. Denn wenn der Autor anfängt, die Zeit, die er in das Buch gesteckt hat, mit dem Vorschuss gegenzurechnen, kommt er am Ende gerne auf einem Stundenlohn von 30 bis 40 Cent. Wenn sich das überhaupt je rechnen lässt. Natürlich spielen die meisten Autoren ihren Vorschuss nachher wieder ein, so schlau sind die Verlage ja, und erhalten dann noch die Beteiligung am Verkauf. Aber wenn sich ein Roman eben nur 5000-Mal verkauft und nicht 50.000-Mal (womit er heute, anders als noch vor zwanzig Jahren, mehrere Wochen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste wäre), kommen nun einmal nicht zehntausende Euro zusätzlich aufs Konto, sondern nur ein-, zweitausend. Die man dann ja auch noch versteuern muss. Zwar steckt in jedem Roman und Sachbuch ein potenzieller Bestseller – zumindest wollen wir alle, die wir schreiben, das glauben, und in gewisser Wiese stimmt es ja auch: Der Buchmarkt ist und bleibt nun einmal unberechenbar. Nehmen wir nur einmal das Sachbuch – wer hätte gedacht dass man mit einem Titel wie „Darm mit Charme“ oder „Das geheime Leben der Bäume“ Millionär werden kann? Giulia Enders und Peter Wohlleben sicherlich am allerwenigsten.

In der Hoffnung auf den Bestseller steckt die Hoffnung auf finanzielle Unabhängigkeit. Es müssen ja nicht gleich Millionen sein, aber „vom Schreiben zu leben“, das wollen die meisten Schreibenden, wenn man sie fragt, aber nur den wenigsten gelingt es. Dennoch, Not macht erfinderisch. Manche, die sich schon früh ganz und gar dem Schriftstellerdasein verschreiben, gleichen die geringen Verlagshonorare durch Lesungshonorare aus. Wer das gut hinbekommt, kann durchaus davon leben. Allerdings muss man dafür auch geboren sein – und ein guter Vorleser und Selbstvermarkter. Wer eine Lesung als notwendiges Übel ansieht, für den wären über hundert Termine im Jahr – wie früher bei wie Finn-Ole Heinrich – eine ganz schöne Belastung. Abgesehen davon, dass man sich die ja auch erst einmal erarbeiten muss.

Sicher, wenn man einen Bestseller landet, kommen die Anfragen dafür Lesungen buchstäblich von selbst, dabei braucht man die ja dann eigentlich gar nicht mehr, zumindest finanziell. Doch auch andersherum kann es funktionieren: Lesungen haben dem einen oder der anderen ihrerseits zu einer veritablen Karriere verholfen. So hat sich Sebastian Fitzek zum Beispiel seinen Status als deutscher Thriller-König geradezu „erspielt“: Schon am Anfang, als nur ein, zwei Handvoll Zuhörer zu seinen Lesungen kamen, war ihm die vielgescholtene „Wasserglaslesung“ zu langweilig., und er dachte sich immer neue Konzepte aus, mit viel Multimedia, Gästen aus dem Strafvollzug, etc. pp. Das sprach sich herum, die Lesungen wurden immer voller und größer, aus Buchhandlungen wurden schließlich ganze Hallen, und seither landet jedes seiner Bücher, so geteilter Meinung man auch über ihre Qualität sein mag, ganz oben in den Top Ten.

Dabei zählt Fitzek eher zu den Spätberufenen. Als sein Erstling erschien, war er wie ich über dreißig. Ich habe mich oft gefragt, was geschehen wäre, wenn ich schon so früh zu scheiben begonnen hätte wie unsere Laborantinnen und Laboranten beim Literatur Labor Wolfenbüttel. Tatsache ist, dass ich, bevor ich 32 war, gar nicht auf die Idee kam, überhaupt etwas zu schreiben, was nicht direkt für die Uni gedacht war und nicht in irgendeiner Form zu einer mehr oder weniger unmittelbaren Bewertung meiner Leistung diente. Hätte ich das Schreiben schon mit 16 für mich entdeckt, hätte ich dann jetzt nicht 20, sondern 40 oder 50 Bücher auf dem Markt? Oder hätte ich beim Schreiben schneller zu einer eigenen literarischen Stimme gefunden?

Natürlich sind Benjamin Lebert und Helene Hegemann, die mit 16 schon einen Bestseller auf dem Markt hatten, die große Ausnahme. Die meisten Autorinnen und Autoren, die allgemeine Bekanntheit erreichen, kommen erst viel später in die Gänge – sei es, dass sie die große Ochsentour hinter sich bringen, von der Schreib-AG in der Schule über die Literaturwerkstatt, das Studium in Hildesheim oder Leipzig, das Einsenden unzähliger Erzählungen zu Wettbewerben und Literaturzeitschriften – sei es, dass sie einfach spätberufen sind. Oder sich jahrelang einfach niemand für das interessiert, was sie so schreiben. Wie zum Beispiel bei Melanie Raabe, die vier komplette Romane geschrieben hat, die alle in der Schublade gelandet sind, bevor sie den Thriller „Die Falle“ verfasste, der inzwischen in 21 Ländern erschienen ist und derzeit in Hollywood verfilmt wird. Die vier fertigen Romane liegen da heute noch, in der Schublade, und wer weiß, ob sie da nicht auch ganz gut liegen. Aber wahrscheinlich liegen sie dort nicht mehr allzu lange, bedenkt man die aktuelle Tendenz der Verlage, wenn sich ein Autor erstmal einen Namen gemacht hat, so schnell es geht dessen Frühwerke von minderer Qualität hinterherzuschießen – siehe Simon Beckett oder Jussi Adler Olsen.

Es ist durchaus spannend, einmal nachzuschauen, wie alt berühmte Autorinnen und Autoren waren, als sie mit dem Schreiben begannen – oder zumindest als sie sich professionalisierten. Nun hat aber in der Regel jede und jeder, der oder die mit 40, 50 Romane zu schreiben beginnt, schon vorher geschrieben, sei es in der Wissenschaft, wie Eco, im Journalismus, wie Dörte Hansen, oder als Übersetzerin, wie Isabel Bogdan.

Und schon sind wir wieder bei einem Beispiel von meinem eigenen Schreibtisch. Den Großteil meines Einkommens verdiene ich als Übersetzer. An zweiter Stelle in meiner persönlichen Honorarhitliste stehen Lektorate, und erst dahinter taucht meine schriftstellerische Tätigkeit auf. Immer noch, auch nach zwanzig Büchern, auf denen mein Name auf dem Cover steht.

Der Einfachheit und Übersichtlichkeit halber taxiere ich das Ganze hier mit 70 Prozent, 20 Prozent und 10 Prozent: 70 Prozent Übersetzung, 20 Prozent Lektorat und 10 Prozent eigenes Schreiben. Wenn ich objektiv schätzen sollte, wie sich das Ganze anteilig im realen zeitlichen Aufwand misst, würde ich sagen: 50 Prozent Übersetzung, 25 Prozent Lektorat und 25 Prozent eigenes Schreiben. Gehe ich aber nach der gefühlten Verteilung, sieht das ganz anders aus. Gefühlt macht das eigene Schreiben bei mir nämlich knapp 50 Prozent von dem aus, was ich so den ganzen Tag tue, Übersetzung und Lektorat teilen sich Platz 2 und 3. Das hat sicherlich damit zu tun, woran das Herzblut hängt, aber eben auch, dass Schreiben viel mehr ist als – nun ja: schreiben. Denn was soll oder müsste man da alles mit einrechnen? Wie lange man morgens wach liegt und Romanideen wälzt? Wann und wie oft man sich beim Mittagessen Gedanken über Spannungsbögen macht? Wo man Leute beobachtet und Dialoge belauscht? Dass Schreiben mehr ist als niederschreiben, gilt wohl für jede Art von Text, auch für diesen hier. Leider kommen mir wie so oft beim Schreiben drei Faktoren in die Quere, die vielen Autorinnen und Autoren zu schaffen machen und ohne die das Verhältnis Zeit/Aufwand beim Schreiben für viele – und auf jeden Fall für mich – ein anderes wäre:

  • Recherche
  • Überarbeiten
  • Prokrastination

Ich bin ja nun auch Sachbuchautor, und da ist das mit der Recherche natürlich so eine Sache. Die Themen, zu denen ich Sachbücher schreibe, drehen sich in der Regel um die Antike, da erwartet man gar nicht erst, dass sich das großartig verkauft. Wenn ich an einem solchen Buch als Autor alles in allem an die drei- bis viertausend Euro verdiene, so rechtfertigt das allein keinen halbjährigen Rechercheaufwand. Vom reinen Niederschreiben ganz zu schweigen. Das Ganze geht eigentlich nur, weil es (a) Spaß macht, und weil ich (b) inzwischen weiß, wie ich meine Kraft und  Ressourcen gezielt einsetze. Soll heißen: Ich bleibe immer bei Themen, bei denen ich mich bereits ohnehin ziemlich gut auskenne, und bei denen die restliche Recherche Spaß macht und nicht allzu aufwendig ist. Aber auch hier ist es wie so oft im Leben: Ausgerechnet dasjenige Sachbuch, das am wenigsten Aufwand für mich bedeutete, ist dasjenige, das sich am besten verkauft.

Allerdings haben Projekte wie dieses, die ziemlich klar umrissen sind und bei denen ich mir ein Konzept machen kann, von dem ich dann kaum noch abweichen muss, die ich also sozusagen „herunterschreibe“, den großen Vorteil, dass sie wenig Anlass bieten zum Prokrastinieren. Das kenne ich ausschließlich dann, wenn ich an einem Roman oder einer Geschichte sitze: Dass mir auf einmal klar wird, dass das Schlafzimmer gesaugt werden muss, dass ich die Vorsteuer für den laufenden Monat schon einmal vorbereiten könnte, dass da doch neulich jemand auf Facebook dieses Video gepostet hatte, das ich ja unbedingt noch … Naja. Man kennt das. Gegen die Prokrastination gibt es kein Patentrezept, und manchmal kommt man ja gerade beim Staubsaugen dann auch wieder auf die nächste zündende Idee. „Als Schriftsteller bekommt man bekommt ständig Ideen“, wie Neil Gaiman sagt, „auch wenn man sich langweilt. Der einzige Unterschied zwischen Schriftstellern und anderen Leuten ist, dass uns das auffällt.“

Einer der wichtigsten – und am meisten ignorierten – Ratschläge an angehende Autorinnen und Autoren lautet: Schreibe jeden Tag. Wenigstens ein bisschen. Selbst wenn du es nachher wieder verwirfst oder löschst. Regelmäßiges Schreiben ist das beste Mittel, seinen Stil zu verfeinern, eine eigene Stimme zu finden. Der National Novel Writing Month ist ein seit vielen Jahren jeden November stattfindendes Projekt, bei dem Autorinnen und Autoren binnen eines Monats einen neuen Roman schreiben, von Anfang bis Ende. Die Regeln sind simpel: Am 1. November fängt man an, am 30. November hört man auf, und bis dahin muss man 50.000 Wörter zu Papier gebracht haben. Das Projekt wird auch in Deutschland immer beliebter, und es gibt diverse Soziale Kanäle und Blogs, in denen sich die Schreibenden währenddessen austauschen. Das Ziel ist es dabei gar nicht so sehr, am Ende einen großartigen Roman geschrieben zu haben, dass das geschieht, ist wohl eher selten der Fall. Aber es ist ein großartiger Anlass, das kontinuierliche Schreiben zu üben. Weltweit nehmen inzwischen hunderttausende Autorinnen und Autoren am National Novel Writing Month teil. Die Zahl der Werke, die danach von irgendwem außerhalb des engsten Bekanntenkreises gelesen werden, dürfte sich in Promille messen statt in Prozent. Eine Ausnahme, die die Regel bestätigt, war Lani Diane Rich, die 2002 im Rahmen des National Novel Writing Month einen Roman schrieb, der später nicht nur einen Verlag fand, sondern von den Romance Writers of America sogar als bestes Debüt ausgezeichnet wurde .

Und damit sind wir bei einem weiteren Thema, das bei der Frage: „Kann man davon leben?“ keine unwesentliche Rolle spielt: der Genre-Literatur. An meinem Erstling habe ich über zwei Jahre gesessen, an den drei Krimis, die ich geschrieben habe, jeweils nur vier, fünf Monate. Heerscharen von Selfpublishern verstopfen den Amazon Kindle-Store, und diejeniegn, die dort von ihren eBooks gut leben können (was mittlerweile immerhin an die hundert sein dürften), produzieren bewusst Masse, und zwar richtig – teilweise vier, fünf oder sogar sechs Romane im Jahr. Das funktioniert, weil sie eine bestimmte Leserschaft zu bedienen, die keine anspruchsvolle Literatur sucht, sondern einen spannenden Thriller, eine zu Herzen gehende Schmonzette oder Fantasy mit möglichst vielen Zwergen, Orks und Elben.

Und warum auch nicht? Auch wenn der Großteil der Unterhaltungsliteratur seit jeher vom Feuilleton gemieden wird: Wer einigermaßen gut schreiben kann und ein Händchen für ein bestimmtes Genre bei sich entdeckt, hat in der Regel größere Chancen, vom Schreiben leben zu können, als so mancher Absolvent von Leipzig oder Hildesheim. Klaus-Peter Wolf schreibt seit 2007 Ostfriesenkrimis, und bislang hat er über 10 Millionen Bücher verkauft. Vom Erfolg von Shades of Gray oder den Twilight-Büchern ganz zu schweigen. Aber auch abseits der den Bestsellerlisten gibt es in der Unterhaltungsliteratur ein großes Mittelfeld von Autorinnen und Autoren, die bei mittelständischen oder auch bei großen Publikumsverlagen ganz stetig zweimal im Jahr einen neuen Roman veröffentlichen und jeweils fünf- bis achttausend Exemplare verkaufen. Nimmt man dazu noch eine Lesereise mit zwanzig Terminen im Halbjahr, so kann das durchaus reichen, um davon zu leben. Je nachdem, wie viele Kinder oder Exfrauen man zu versorgen hat.

Für meinen Blog interviewe ich immer mal wieder Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die mir erzählen, wie sie zum Schreiben gekommen sind. Und bei denen, die heute davon leben können, kam in der Regel irgendwann der Punkt, an dem sie sich gesagt haben: „Jetzt ist es soweit. Ich kündige meinen Vollzeitjob und schreibe nur noch.“ Das war in der Regel dann der Fall, als der zweite Bestseller in den Regalen lag. Bei denjenigen, die vorher freiberuflich tätig waren, war das naturgemäß ganz anders. Da braucht es ja auch keinen glatten Schnitt. Doch dafür tauchen auf einmal andere Probleme auf. Denn wenn man dann auf einmal das Glück hat, einen Bestseller zu landen und nicht sofort den nächsten fabriziert, muss man spätestens im Jahr darauf das Finanzamt und gegebenenfalls auch die Künstlersozialkasse davon überzeugen, dass der unverhoffte Geldsegen eine – vorerst, wie man hoffen möchte – einmalige Angelegenheit war. Um hier Abhilfe zu schaffen, ist es ratsam, längere Zeit – sagen wir ein halbes bis Dreivierteljahr – in den Urlaub zu fahren und so dafür zu sorgen, dass das Jahresgehalt insgesamt im Rahmen bleibt. Das hat den zusätzlichen Vorteil, dass man viel erlebt. Und ohne eigenes Erleben bleibt die Literatur naturgemäß recht blutleer. Aber das ist wiederum natürlich viel einfacher, wenn man Freiberufler ist.

Wann und wie man vom Schreiben leben kann? Vielleicht ist diese Frage ganz falsch gestellt. Vielleicht sollte man nicht fragen: Kann ich davon leben? Sondern: Kann ich dafür leben?  Das Schreiben an sich ist und bleibt für die meisten, auch und gerade für viele literarisch Talentierte, eine brotlose Kunst. Man muss immer wieder zur rechten Zeit am rechten Ort sein, um sich eine Autorenkarriere aufzubauen. In einem Brief an Max Brod vom 5. Juli 1922 schreibt Franz Kafka: „Der Schriftsteller darf sich, wenn er dem Irrsinn entgehen will, niemals vom Schreibtisch entfernen, mit den Zähnen muss er sich festhalten.“ Wer so viel Leidenschaft fürs Schreiben aufbringt, wer schreiben kann und will und muss, der sollte auch versuchen, davon zu leben. Auch mit über vierzig hoffe ich immer noch, dass mir das eines Tages gelingt. Bis dahin lebe ich eben weiterhin vom Übersetzen, und das ist für mich nicht die schlechteste Alternative. Denn immerhin ernähre ich mich und meine Frau auch als Übersetzer davon, was aus meinem Kopf kommt, was ich formuliere und was ich zu Papier bringe.

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