Praxis: Inquit-Formeln

„Nicht schon wieder“, sagte sie.

„Doch“, rieb er sich die Augen, „und wie.“

„Aber das ist doch Quatsch“, sagte sie.

„Was ist Quatsch?“, sah er sie mit großen Augen an.

„Deine Inquit-Formeln“, sagte sie.

„Meine … was?“, runzelte er die Stirn.

„Na, die Inquit-Formeln“, sagte sie, „das, was beim Dialog, bei der wörtlichen Rede, anzeigt, wer gerade spricht.“

„Und was ist so schlecht an meinen Inquit-Formeln?“, hob er die Schultern. „Wieso sind die Quatsch?“

„Da, schon wieder“, sagte sie. „Hob er die Schultern, das ist doch keine Inquit-Formel. Da ist ja nicht mal ein Verb drin, das eine mündliche Äußerung bezeichnet. So geht das nicht.“

„Na, und du?“, sah er sie durchdringend an.

„Was ist mit mir?“, sagte sie.

„Bei dir ist das total langweilig“, schnaubte er, „immer nur sagte, sagte, sagte.“

„Das hat Elmore Leonard auch so gemacht“, sagte sie. „Der hat das sogar als Schreibregel aufgestellt: als Inquit-Formel ausschließlich sagte!“

„Na schön“, hob er wieder die Schultern, „aber erstens bist du keine Amerikanerin, denn im Englischen wirkt das sicher anders als im Deutschen. Und zweitens steht bei dir sogar ‚sagte‘, wenn du eine Frage stellst, und wenigstens da müsste doch ‚fragte‘ stehen.“

„Echt?“, sagte sie. „Oh, stimmt.“

„Siehste?“, nickte er.

„Hm“, machte sie. „Vielleicht hast du Recht. Darauf sollte ich achten. Und ein bisschen Abwechslung kann ja auch nicht schaden, wie eben bei meinem Hm.“

„Gut, das ist ja auch im Grunde nichts,wa sman sagt, das macht man ja eher.“

„Vielleicht wäre ein Mittelweg ganz schön.“

„Ja, ein wenig Abwechslung ist doch immer gut. Und ich achte ab sofort darauf, dass ich diese seltsamen Formulierungen vermeide und mich bei den Inquit-Formeln darauf konzentriere, Wörter zu benutzen, die Synonyme für sagen sind.“

„Guter Plan. – Sag mal, merkst du was?“

„Nee, was denn?“

„Wir haben schon seit mehreren Zeilen keine Inquit-Formeln mehr benutzt.“

„Stimmt. Aber jetzt ist vielleicht mal wieder Zeit für eine“, sagte er. „Damit man weiß, wer gerade spricht.“

„Klappt ganz gut, oder?“

Er nickte. „Solange wir nur zu zweit sind, schon.“

„Und es geht ja auch noch ganz anders, wie du eben gezeigt hast.“

Sie saßen eine Weile schweigend beieinander.

„Kommt jetzt noch eine Pointe?“, fragte sie schließlich in die Stille hinein.

„Nö.“

4 Gedanken zu “Praxis: Inquit-Formeln

  1. Vielleicht „unterstreichen“ künftig nicht mehr so viele Möchtegern-Journalisten und Nebenerwerbsjournalistinnen das, was sie „feststellen“, „erklären“ oder „erläutern“, „klarstellen“ oder „äußern“, nur um das „Sagen“ nicht (vermeintlich) durch das Nicht-Verb „so“ ersetzen zu müssen 😉!

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