Meine Lieblingsbücher 2017

Bücher2017

Auch Ende dieses Jahres bleibt die Feststellung aktuell wie eh und je: Um schreiben zu können, muss man lesen. Daher hier wieder einmal mein Resümee, welche Romane mir 2017 am besten gefallen haben*, auch im Hinblick darauf, dass sie mein eigenes Schreiben inspiriert haben und inspirieren:

  • Tyll von Daniel Kehlmann
  • Außer sich von Sasha Marianna Salzmann
  • Wiener Straße von Sven Regener
  • Das Buch der Wunder von Stefan Beuse
  • Walter Nowak bleibt liegen von Julia Wolf
  • Jürgen von Heinz Strunk
  • Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde
  • Niemand ist bei den Kälbern von Alina Herbing

Denis Scheck nennt Tyll von Daniel Kehlmann einen „Triumph der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“, und hier hat der Schwabe wirklich wieder einmal Recht. Die Geschichte von Till Eulenspiegel in den Dreißigjährigen Krieg zu verlegen, ist ein Geniestreich, der es Kehlmann ermöglicht, ein richtig großes „Fass aufzumachen“, bei dem er auf fulminante Weise nicht nur die Gräuel des Krieges darzustellen vermag, sondern auch die Irrwege der christlichen Religion, die letztlich an der ganzen Misere schuld ist.

Außer sich von Sasha Marianna Salzmann war eine der großen Überraschungen 2017, nicht nur für mich. Sie war vor fünfzehn Jahren Teilnehmerin im Literatur Labor Wolfenbüttel, das ich mit leite (damals war ich allerdings noch nicht dabei), und dieser lesenswerte Debütroman über Genderrollen und -identitäten hat es nicht nur erstens zu Suhrkamp und zweitens aus dem Stand auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft, sondern wurde vor Kurzem auch noch mit dem hochdotierten Mara-Cassens-Preis für literarische Debüts ausgezeichnet.

Über Wiener Straße von Sven Regener muss ich nicht viel sagen, ich bin seit jeher großer Fan, und der neueste (und angeblich letzte) „Herr Lehmann“-Band ist grandios wie alle anderen, witzig, treffsicher und voller wahnsinnig guter Dialoge.

Mein Lieblingsbuch 2017 war trotz allem Walter Nowak bleibt liegen, Julia Wolfs zweiter Roman, der ein einziger langer Stream of Consciousness ist, aber so meisterhaft gebaut und erzählt, dass dieses Stilmittel tatsächlich auf Romanlänge funktioniert. Ich bin immer noch ganz hin und weg.

Unglaublich fantasievoll ist Stefan Beuses Roman Das Buch der Wunder. Der sympathische mairisch-Verlag bringt inzwischen offenbar nur noch einen Roman pro Jahr heraus, aber wenn es so einer ist, dann ist es ja gut.

Mit Jürgen hat Heinz Strunk genau das Richtige getan: Er hat beileibe keinen zweiten Goldenen Handschuh vorgelegt (das beste Buch 2016), aber das war auch kaum zu erwarten. Dennoch zeigt er, allen Unkenrufen zum Trotz, was er kann: Es ist ein sehr gut erzählter Roman mit einem Protagonisten, mit dem man in jeder Lage mitfühlt, ob man ihn nun sympathisch findet oder nicht. Und vor der Recherchearbeit, die für diesen Einblick in die Niederungen der Dating-Theorie nötig gewesen sein muss und deren Erkenntnisse er auf mehreren Ebenen immer wieder ganz geschickt in die Erzählung einwebt, muss man ebenfalls den Hut ziehen.

Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde hat ein ganz, ganz, ganz wichtiges Thema, das weltweite Bienensterben, das die Menschheit umbringen wird. Schon deshalb muss man dem Roman die kleinen Schwächen (wie den allzu oft erhobenen Zeigefinger) verzeihen. Und insgesamt hat mich die dreisträngige Erzählung wirklich überzeugt. Abgesehen davon ist der Roman ganz großartig von Ursel Allenstein übersetzt.

Niemand ist bei den Kälbern ist das großartige Debüt der Hildesheimer Absolventin Alina Herbing über den tristen Alltag junger Erwachsener in Meckelnburg-Vorpommern. Man merkt dem Roman immer wieder an, dass die Autorin aus eigenen Erfahrungen schöpft, wie das bei einem Debüt ja auch meistens der Fall ist. Aber die Protagonistin Christin ist trotzdem (oder deshalb?) erstaunlich vielschichtig.

 

*Natürlich liegt hier wieder ein Stapel ungelesener Bücher, die es schon deshalb nicht auf die Liste geschafft haben, weil ich noch nicht dazu gekommen bin, sie zu lesen, die aber (nach allem, was man so hört) durchaus Anwärter hätten sein können, z. B. Underground Railroad von Colson Whitehead, Die Taugenichtse von Samuel Selvon und Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes.