Selfpublishing – oder doch die Ochsentour?

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Es scheint durchaus verlockend – so verlockend, dass immer mehr angehende Autorinnen und Autoren sich für dieses Modell entscheiden: Anstatt sein fertiges Manuskript an Verlage zu schicken, wo man ja ohnehin nur Absagen bekommt (was durchaus auch stimmt), oder sich eine Agentur zu suchen, die vom späteren Autorenhonorar dann auch noch 15 bis 20 Prozent abbekommt, stellt man das Buch einfach selbst als eBook auf eine Online-Plattform. Rein technisch ist das heute einfacher als einen Mailaccount bei Outlook einzurichten. Und obendrein bekommt man z. B. im Kindle Store 35 oder 70 % der Einnahmen aus dem Verkauf, bei einem Verlag sind es lediglich zwischen 6 und 10 %. Oder man lässt es auf eigene Faust drucken und versucht, die Bücher selbst zu verkaufen – mit entsprechender Gewinnmarge.

Klingt also wirklich verlockend. Doch so einfach ist es leider nicht, es gibt bei beiden Modellen durchaus auch gute Gründe dafür wie dagegen.

Bis vor einigen Jahren war das große Problem beim Selfpublishing die formale Qualität. Bei vielen autorenvertriebenen eBooks, selbst den Bestsellern, fand man auf Amazon immer wieder Dutzende 1-Sterne-Rezensionen, die (durchaus zu Recht) bemängelten, dass es keine Seite ohne Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler gab, von der literarischen Qualität ganz angesehen. Das ist heute nicht mehr ganz so schlimm: Die Qualität wird besser. Viele Autorinnen und Autoren lassen sich ihr Manuskript lektorieren und professionelle Cover gestalten; auch wenn man dafür erst einmal Geld in die Hand nehmen muss (und das können, je nach Umfang des Buchs, schon ein paar tausend Euro sein), spiegelt sich das später durchaus in den Rezensionen und bestenfalls in den Verkaufszahlen wider, kann sich insofern also durchaus lohnen.

Das ist natürlich ganz anders, wenn man bei einem Verlag veröffentlicht. Abgesehen davon, dass ein Verlag dem Autor in der Regel einen Vorschuss zahlt, man also schon einmal Geld bekommt, statt welches auf den Tisch zu legen, kümmert sich der Verlag um Lektorat, Korrektorat und Covergestaltung, und er übernimmt Vertrieb und Marketing. Gerade das ist ein nicht zu unterschätzender Punkt: Wer seinen Roman z. B. bei BOD drucken lässt, dann eine halbe Palette davon zu Hause stehen hat und anfängt, ihn auf eigene Faust den Buchhändlerinnen seiner Stadt anzubieten, ist meistens schnell gefrustet. Dass viele inhabergeführte Buchhandlungen ums Überleben kämpfen und deshalb kaum Regalfläche für unbekannte Newcomer von ebenso unbekannter Qualität übrig haben, macht die Sache nicht besser, und Thalia & Co. verkaufen solche Bücher überhaupt nicht.

Verlag oder nicht? Als Faustregel kann man sagen: Als Selfpublisher hat man eigentlich nur Aussicht auf Erfolg, wenn man Genre-Literatur schreibt. Verlässliche Daten darüber, welche Werke sich als eBooks am besten verkaufen, bekommt man fast nur aus den USA, lassen sich aber einigermaßen auf hiesige Verhältnisse übertragen. Demnach zählen zu den beliebtesten Genres bei den eBooks Liebesromane, Erotik, Krimis und Thriller, Fantasy, Historische Romane und Horror. Beim Distributor Smashwords, der in den USA alle Plattformen außer Amazon beliefert, beträgt der Anteil der Liebesromane bei den eBooks fast 50 %.

Die bisherigen Selfpublishing-Bestsellerautorinnen und -autoren schreiben allesamt Genreliteratur-Serien mit nicht allzu viel literarischem Anspruch. Wer literarisch anspruchsvolle zeitgenössische Literatur schreibt, ist in dem Bereich schlichtweg falsch bzw. wird sich ziemlich schwertun. Dem bleibt eigentlich nur die Ochsentour mit Wettbewerben, Zeitschriften, Lesungen, Agentur und Verlag. Und dazu gehört neben Können immer auch eine Menge Glück.

Was man natürlich auf keinen Fall tun darf, ist sich an einen Druckkostenzuschussverlag wenden, einen Verlag, der vom Autor Geld kassiert, um dessen Buch zu veröffentlichen. Damit hat noch keiner Erfolg gehabt – außer den dubiosen Verlagen, die den Autorinnen und Autoren das Geld aus der Tasche ziehen.

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