Der Roman ist nichts für jeden – Mut zur Kurzform!

8y0edx4vp9-green-chameleon.jpgDer Roman ist und bleibt für die meisten die „Königsdisziplin“ der westlichen Literatur. Na gut, zumindest der deutschsprachigen Literatur. In Literatursendungen wie Druckfrisch oder dem Literaturclub werden fast nur Romanautoren vorgestellt und Romane besprochen (sowie hin und wieder ein Sachbuch), und der Deutsche Buchpreis, der sicherlich renommierteste Preis im deutschsprachigen Literaturbetrieb, zeichnet ausschließlich Romane aus. Das liegt auch oder sogar vor allem daran, dass Romane den allergrößten Teil der belletristischen Bücher ausmachen, die bei uns verkauft werden*. Sammlungen mit Erzählungen oder Kurzgeschichten haben es hierzulande schwerer als z. B. in den USA, dem Heimatland der modernen Kurzgeschichte.

Wenn man bedenkt, wie sehr die meisten Menschen heutzutage darüber jammern, dass sie nie Zeit zum Lesen haben, ist das eigentlich recht überraschend. Denn eine Kurzgeschichte oder auch eine Erzählung mit ein paar Dutzend Seiten Länge sollte man doch immer mal einschieben können, wenn man sich nur alle paar Tage eine halbe Stunde Zeit zum Lesen nehmen kann.

Dabei sind Erzählungen eine großartige Schule, auch für einen selbst als Schreibende(n). Und können insofern lohnenswerter sein als ein Roman, als man sie schneller fertigstellt und gezielter überarbeiten kann. Hinzu kommt, dass unter den Begriff „Erzählung“ heute so gut wie alles gefasst wird, was kürzer als ein Roman ist. So tauchen in Erzählbänden auch immer wieder Kurzgeschichten auf (die Kurzgeschichte ist allerdings wieder ein eigenes Genre mit recht starren Regeln).

Und es gibt auch den Gegenbeweis: Der Erzählband Tiere für Fortgeschrittene von Eva Menasse gewann 2017 den Österreichischen Buchpreis, und vor ein paar Jahren wurde Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes von Clemens J. Setz mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Interessant ist gerade in diesen beiden Fällen aber – wie auch bei dem großartigen Band Monster von Benjamin Maack –, dass der jeweilige Verlag (KiWi bzw. Suhrkamp bzw. Mairisch) darauf verzichtet hat, „Erzählungen“ auf das Cover zu schreiben – vielleicht um keine Leser abzuschrecken, die grundsätzlich nur Romane kaufen? Es scheint fast so.

Dabei gibt es so tolle Erzählbände gerade junger Autorinnen und Autoren – wie Karen Köhler, Finn-Ole Heinrich, Sasa Stanisic –, dass man sich wünschten möchte, die Verlage trauten sich, mehr solche kurzen Geschichten zu veröffentlichen.

Dass es allerdings auch andersherum geht, zeigt der Fall Judith Hermann: Nach drei hochgelobten Erzählbänden bei S. Fischer veröffentlichte sie 2014 ihren Debütroman, Aller Liebe Anfang, und wurde prompt von der Kritik gescholten, nach dem Motto: Wäre sie doch besser bei ihren Erzählungen geblieben. Ganz gerechtfertigt war diese harsche Kritik sicher nicht, aber es gibt und gab durchaus Autorinnen und Autoren, denen die kürzere Form mehr liegt. Und anstatt sich dann damit abzumühen, unbedingt einen Roman zu schreiben, sollte man sich auf die eigenen Stärken besinnen.

Oder, um es mit der amerikanischen Short-Story-Autorin Lorrie Moore zu sagen:

Ein Roman bedeutet zehn Jahre lang jeden Tag harte Arbeit. Ein Roman ist ein Knochenjob … Eine Geschichte hingegen kann ein verrückter, liebenswerter Hausgast sein, mit dem man ein aufregendes Wochenende verbringt.

Und dagegen ist ja auch nicht wirklich etwas einzwenden.

 

*Übrigens werden in Deutschland weitaus weniger Romane verkauft als Sachbücher. Wenn man beide SPIEGEL-Bestsellerlisten kombinieren würde, kämen gerade einmal J. K. Rowling oder Fitzek unter die Top 10.