Macht die Bücher teurer!

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Die Forderung, etwas teurer zu machen, ist immer unpopulär. Dennoch ist es ein echtes Phänomen: Die Hardcover-Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt sind seit über 20 Jahren nicht teurer geworden. Wenn man sich die SPIEGEL-Bestsellerliste von 1998 anschaut, stellt man fest, dass die Hardcover Belletristik und Sachbuch heute ziemlich exakt viel kosten wie damals, während alles andere im Leben (zumindest gefühlt) heute doppelt so teuer ist. Die Belletristik-Hardcover kosteten damals zwischen 40 und 50 DM, heute sind es 20 bis 25 €.

Die Zahl der Leser ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken – was wenig überrascht, immerhin hat das Buch heute ganz andere Konkurrenz als noch vor 20 Jahren. Damals haben viele Leute noch gelesen, wenn „nichts im Fernsehen kam“ – heute gibt es Netflix und vor allem das Internet. Und wer jammert, dass im Zug oder Bus die Leute nur noch auf ihre Smartphones gucken und die Nase nicht mehr ins Buch stecken, der sollte bedenken: Sie lesen ja meistens trotzdem. Facebook und Twitter bestehen größtenteils aus Texten, und auch wenn die Leute keine Zeitungen mehr kaufen (was an sich natürlich furchtbar ist), so informieren sie sich zumindest, aber eben im Internet. Zählt man das alles zusammen, so lesen die Menschen heute sicherlich mehr als vor zehn Jahren. Nur eben keine Bücher.

Man kann das Rad der Zeit nicht zurückdrehen, und man kann den Fortschritt nicht aufhalten. Die Zahl der Leser und die der Buchkäufer werden in Zukunft weiter sinken, darauf werden wir uns, die wir in irgendeiner Form mit der Buchbranche zu tun haben, einstellen müssen. Der Buchmarkt und die Verlage werden lernen müssen, damit umzugehen.

Und damit kommen wir zu meinem Punkt: Es hat viel zu lange keine echte Preissteigerung bei Büchern mehr gegeben! Es kann schlichtweg nicht angehen, dass das Produkt Buch als einziges so viel kostet wie vor 20 Jahren, während Zigaretten doppelt und ein Kaffee zum Mitnehmen dreimal so teuer ist wie damals, ganz zu schweigen von Mieten, Sprit usw. Das wird zumindest teilweise dadurch aufgefangen, dass die Gehälter im Schnitt ja ebenfalls gestiegen sind, von 2043 € (1998) auf 3092 € (2017).

Moment mal – aber was ist denn mit der Buchbranche? Tja, die, die es erst möglich machen, dass es Bücher gibt, die Autorinnen und Autoren, bekommen nach wie vor 8–10 % vom Nettoverkaufspreis eines Produkts, das noch genauso viel kostet wie 1998 – und das bei sinkenden Auflagen. Kein Wunder, dass sich das Autorendasein immer weniger Menschen leisten können. Kein Wunder, dass inhabergeführte Buchhandlungen pleitegehen. Kein Wunder, dass Übersetzer fast den gleichen Seitenpreis bezahlt bekommen wie vor 15 Jahren. Woher soll das Geld auch kommen?

Dass immer weniger Menschen lesen, lässt sich m. E. nicht verhindern. Will man weiter Literatur und Qualität produzieren, muss man darauf setzen, dass es Leute gibt, die auch dafür bezahlen, wenn es etwas teurer wird. Die Rechnung ist ganz einfach: Wenn ein heute 20 € teures Buch 30 € kostet, so bedeutet das (vereinfacht gesagt) 50 % mehr Umsatz. Falls diese Preissteigerung dazu führt, dass jeder Fünfte das Buch nicht kauft, dann bleibt immer noch ein Plus von 20 %. Und jeder Fünfte ist wahrscheinlich noch hoch gegriffen.

Von diesem höheren Umsatz haben nicht nur die Verlage etwas, sondern auch die Buchhandlungen, die Autoren und die Übersetzer (so sie denn eine Beteiligung bekommen). Die Volkswirtschaft und der Fiskus sowieso.

An dieser Stelle würde man wohl einwenden, dass dann in Zukunft noch weniger Leute lesen, weil sie es sich nicht mehr leisten können. Aber immerhin reden wir hier von den Hardcover-Neuerscheinungen, nicht vom Taschenbuch (interessanterweise sind die Taschenbücher seit damals durchaus teurer geworden, wenn auch nicht viel, und die Klappenbroschur ist als eine Art Mittelding dazugekommen). Die Zielgruppe im Belletristik-Hardcoversegment ist keine, die sich die Bücher vom Munde abspart. Wer keine 35 € für ein Buch ausgeben kann, der geht in die Bücherei oder wartet, bis das Taschenbuch erscheint. Und das hat er oder sie im Zweifelsfall auch schon getan, als das Buch, wie jetzt, 25 € kostete.

Die Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt sind meines Wissens das einzige Produkt, das heute genauso teuer ist wie vor der Euro-Einführung. Und das trotz erheblich gestiegener Produktionskosten (Papier, Druckereien, Löhne und Gehälter im Verlag …) und trotz sinkender Auflagen. Mit welcher Berechtigung? Die Leidtragenden sind Autorinnen und Autoren, Übersetzerinnen und Übersetzer, freie Lektorinnen und Lektoren und nicht zuletzt Buchhändlerinnen und Buchhändler. Das muss man einfach so sagen.

Ich finde, da muss sich schleunigst etwas ändern.

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