Das Hamburger Dogma

In den letzten Jahren ist es still geworden ums Hamburger Dogma – genau wie um sein filmisches Vorbild, das Dogma 95 von Lars von Trier, Thomas Vinterberg & Co. Bei beiden künstlerischen Konzepten ging es darum, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und überflüssigen Schickschnack in der Kunst wegzulassen. Bei den Dogma-Filmen wie Das Fest oder Mifune gab es keine Filmmusik, es wurden nur Handkameras verwendet, Filter oder Effekte kamen nicht in Frage. Weiterlesen

„Tausend Seiten Setz“

Ja, ich gebe es zu: Dicke Bücher schrecken mich ab.

Ein großes Buch ist ein großes Übel.

Ein wunderbares Zitat von Kallimachos, dem wichtigsten Protagonisten der hellenistischen Dichtung (4. Jh. v. Chr.). Allerdings richtete sich seine Kritik in erster Linie an die vielen wenig begabten Dichter, die zu seiner Zeit versuchten, Homer weiterzuschreiben (so wie aktuell Herr Lagercrantz mit der umstrittenen Fortsetzung der Stieg-Larsson-Trilogie). Klar, dass an Homer niemand heranreichte. Die logische Folge für Kallimachos: Da niemand mehr ein Epos schreiben kann, das es mit Ilias und Odyssee aufnimmt, müssen wir uns im Erzählen generell von der epischen Breite verabschieden und uns der kleinen, ausgefeilten Form zuwenden.

Das ist für uns heute natürlich alles kein Thema mehr. Trotzdem: Für zu dicke Bücher bin ich meist zu ungeduldig. Auch beim Schreiben – meine eigenen bislang fünf Romane sind alle unter 300 Seiten lang. Dabei war es bei meinem Debütroman tatsächlich die Zeitnot, die mich am Schreiben hinderte: Zwei Jahre saß ich bereits daran, doch dann hatte ich auf einmal einen festen Job als Verlagslektor, arbeitete 80 Stunden die Woche, und die Zeit zum Schreiben wurde knapp. Die 5–6 geplanten Kapitel, die erzählten, was meinem Protagonisten im Alter von 16–30 Jahren passiert, ließ ich am Ende kurzerhand fort. Aber im Nachhinein muss ich sagen: Diese Entscheidung war goldrichtig, denn das Wesentliche, das, worum es mir eigentlich ging, konnte ich auch mit dieser biografischen „Lücke“ rüberbringen. Und zwar prägnanter und stringenter, als ich es ursprünglich vorgehabt hatte.

Deshalb mein Plädoyer: Alles raus, was keine Miete zahlt! Versucht beim Schreiben immer im Hinterkopf zu haben: Muss das wirklich sein, ist das nötig? Und zwar nicht nur bei Adjektiven und Beschreibungen, sondern auch bei ganzen Plotpoints. Sich kürzer zu fassen, ist oft wirklich lohnenswert. Man muss dem Leser nicht alles und jedes ausbuchstabieren. Allzu oft lese ich Romane, bei denen ich hinterher der Überzeugung bin, man hätte ein Viertel streichen können.

Dabei gibt es natürlich auch diverse großartige dicke Romane, die keiner Kürzung bedurft hätten, wie Harry Potter und der Orden des Phönix (1024 S.) oder Infinite Jest von David Foster Wallace (1104 S.). Und dazu wird hoffentlich auch der neue Roman von Clemens J. Setz gehören, der seit gestern auf dem Couchtisch liegt (der Roman, nicht Setz) und auf Lektüre wartet: Die Stunde zwischen Frau und Gitarre (1028 S.). Ich muss nur eine anfängliche Scheu überwinden, überhaupt erst anzufangen.

Praxis: Figurenzeichnung

In meinem neuen Roman habe ich mehr als sonst darauf verzichtet, dem Leser zu erklären, wie meine Protagonisten aussehen. Man erfährt nur ihr Alter und ihre Haarfarbe. Ich persönlich habe festgestellt, dass mir genauere Beschreibungen der Figuren beim Lesen gar nicht helfen. Im Gegenteil: Manchmal zeichne ich mir schon ein Bild im Kopf von einer Figur, und dann kommt auf einmal eine detaillierte Beschreibung, die gar nicht genau zu dem passt, was ich im Kopf habe.

Klar, wenn der Protagonist so dick ist, dass er in bestimmten Situationen körperliche Schwierigkeiten bekommt, dann muss der Leser das erfahren. Aber ob die Protagonistin da oder dort ein Grübchen hat, muss ich als Leser nicht wissen. Es sei denn, das Grübchen wird wichtig für die Handlung, die psychische Disposition der Figur o. Ä. Und das ist doch eher selten der Fall. In der Regel will mir der Autor nur sagen: Ich weiß exakt, wie sie aussieht, und du sollst das gefälligst genauso sehen. Und in dem Fall kann man getrost sagen: Dann dreh doch einen Film!

Praxis: die Hörspiel-Falle

„Mr. Wilkes!“
„M-hm. Der Hausherr. Und ich habe eine Pistole in der Hand.“

Diese unvergessenen Zeilen stammen aus Die drei ??? und der tanzende Teufel (1980), wohlgemerkt dem Hörspiel, nicht dem Buch von William Arden. Wer in Deutschland jünger ist als Jahrgang, sagen wir mal, 1970, ist in der Regel mit Hörspielen aufgewachsen. Von den Fünf Freunden in den 70ern über TKKG in den Achtzigern bis hin zu Benjamin Blümchen und Bibi & Tina. Das gilt auch für die meisten Autorinnen und Autoren, und natürlich verarbeiten Weiterlesen