Show, don’t tell

Dieses Schlagwort hört man immer wieder. Es gehört zu den goldenen Regeln, die man in jedem Schreibratgeber liest. Aber was soll einem das eigentlich genau sagen? Und darf man nicht hier und da doch lieber „tellen“, wenn einem nicht so nach „showen“ ist?

Grundsätzlich geht es darum, dass man dem Leser Informationen vermitteln möchte. Das ist wohl bei jeder Art Text der Fall. Die Herausforderung, aber auch der große Vorteil von literarischen Texten jedoch ist es, dass man als Autor dem Leser diese Informationen nicht vorsetzen muss wie dem Hund sein Chappi (dann wäre man nämlich bei der Bildzeitung). Sondern dass uns zahllose Möglichkeiten zur Verfügung stehen, dies auf andere Art und Weise zu tun.

Warum werden diese Möglichkeiten dann aber (vor allem von Anfängern) oft nicht genutzt? Logisch: Weil es anstrengender ist, sich Gedanken zu machen über das, was man schreiben möchte und wie man es schreibt, als es einfach nur zu schreiben.

Aber Literatur entsteht halt nicht durch „Runterschreiben“. Sie entsteht durch Überlegung und Überarbeitung.

Eine Lektorin aus einem großen Kinder- und Jugendbuchverlag sagte mir einmal: „Kinder denken nicht.“ Das war gar nicht böse gemeint, sondern es ging wieder einmal um „Show, don’t tell“ – sie sagte, sie würde einen Satz wie: „Jonas wurde ganz traurig“ immer ändern wollen zu: „Jonas lief eine Träne übers Gesicht.“ Und wenn ich ehrlich bin, gefällt mir die zweite Variante in jedem Fall besser, nicht nur im Jugendbuch.

Eine Möglichkeit, die allzu platte Übermittlung von Informationen zu vermeiden, ist wichtige Elemente der Handlung in die Dialoge zu legen. Das birgt dann höchstens wieder die Gefahr, dass man in die „Hörspielfalle“ tappt.

Was aber, wenn man gar keine Dialoge schreiben will und sich auch sonst eher von außen seinen Figuren und seinem Plot nähern möchte? Da wir ja beim Schreiben alles dürfen und auch gegen jede Regel verstoßen können, so wir sie denn kennen, spricht natürlich nichts dagegen. Wir sollten uns aber immer und jedes Mal überlegen: Muss der Leser das, was wir ihm jetzt hier mitteilen, eigentlich wissen? Bzw. muss er es so genau wissen?

Im Zweifelsfall sollte man immer Voltaire im Hinterkopf haben, der einmal sagte: „Der Schlüssel dazu, ein Langweiler zu sein, ist, alles zu verraten.“

Regeln vs. Kunst

Kunst hat schon immer gegen Regeln verstoßen, das darf sie, das muss sie, sonst würde sie sich nicht weiterentwickeln. Das gilt auch und gerade für die Literatur, und jeder, der z. B. gerne mit Adjektiven um sich schmeißt oder der Dialoge gerade so bauen möchte, dass ihre Struktur den Leser verwirrt, der kann das natürlich alles machen – auch gegen meinen ausdrücklichen Ratschlag. Denn: Regeln sind (zumindest in der Kunst) durchaus dazu da, gegen sie zu verstoßen.

Dazu muss man sie aber erst einmal kennen. Ein Beispiel aus der Musik: Helge Schneider ist ein exzellenter Musiker, und nur wer ein Instrument sehr, sehr gut beherrscht, der kann auch so darauf spielen, dass es furchtbar schräg klingt – aber dennoch einen gewissen künstlerischen Mehrwert hat. Und nicht einfach nur scheiße um seiner selbst willen.

Überhaupt macht es ja auch viel mehr Spaß, gegen ein Verbot zu verstoßen, von dem man weiß. Alles andere ist einfach zu wischi-waschi.

Praxis: die Hörspiel-Falle

„Mr. Wilkes!“
„M-hm. Der Hausherr. Und ich habe eine Pistole in der Hand.“

Diese unvergessenen Zeilen stammen aus Die drei ??? und der tanzende Teufel (1980), wohlgemerkt dem Hörspiel, nicht dem Buch von William Arden. Wer in Deutschland jünger ist als Jahrgang, sagen wir mal, 1970, ist in der Regel mit Hörspielen aufgewachsen. Von den Fünf Freunden in den 70ern über TKKG in den Achtzigern bis hin zu Benjamin Blümchen und Bibi & Tina. Das gilt auch für die meisten Autorinnen und Autoren, und natürlich verarbeiten sie – zumindest unbewusst – auch beim Schreiben diese Hörspiele, denn ins eigene Schreiben fließt ja jede literarische Erfahrung mit ein, und auch ein Drei-???-Hörspiel ist letztlich nichts anderes als eine literarische Erfahrung.

Leider führt dies mitunter dazu, dass Sätze wie: „Ich habe eine Pistole in der Hand“ auch in geschriebenen Texten auftauchen:
„Du hast ja schon wieder dein altes, zerbeultes Jackett angezogen!“ (Zumindest ein Adjektiv ist hier definitiv zu viel.)
„Du weißt doch“, sagte sie, „dass ich arbeitslos bin.“ (Ganz genau, er weiß es, aber warum sagt sie es dann? Klar: weil der Leser es noch nicht weiß.)
„Immer musst du das letzte Wort haben – auch jetzt wieder.“ (Danke, das hat man gerade selbst mitbekommen.)

Sicherlich hätte es auch im Hörspiel vom Tanzenden Teufel eine elegantere Lösung gegeben, dem Hörer mitzuteilen, dass der Kunsthändler Mr. Wilkes eine Pistole in der Hand hat – eine einfachere sicherlich nicht. Solche Sätze tauchen im Hörspiel ständig auf; besonders beliebt ist es, wenn eine Person einer anderen beschreibt, was gerade passiert, obwohl es beide sehen können. Klar: Man will nicht ständig den Sprecher bemühen. Dennoch – wie idiotisch der Satz „Ich habe eine Pistole in der Hand“ ist, macht man sich als Kind beim Hören zumeist gar nicht klar, da nimmt man das so hin. Aber beim Schreiben sollte man darauf achten, ob das, was eine Figur sagt, auch (1.) zu dieser Figur passt und (2.) in dem Sinne realistisch ist, dass es jemand auch im echten Leben sagen würde. Immerhin haben wir genügend andere Mittel, dem Leser mitzuteilen, was jemand gerade in der Hand hat.

Der unterschätzte Leser

Ich verrate jetzt nicht, welches Buch ich gerade lese – das fände ich dann doch etwas ungerecht, denn mit dem Roman stimmt schon das meiste. Aber immer wieder wird darin gegen eine ganz wichtige Regel verstoßen: Man darf den Leser nicht unterschätzen.

Nicht, dass dort die ganze Zeit besonders simple Sachverhalte dargestellt würden, es ist vielmehr so, dass hin und wieder Dinge erklärt werden, die für die meisten Leser sicherlich keiner Erklärung bedürfen, und das entweder kommentierend durch den Erzähler oder – was noch seltsamer wirkt – im Dialog.

Das sieht dann in etwa so aus:
„Ich sehe mal bei Facebook nach.“ Sie rief die Webseite des weltgrößten Social-Media-Netzwerks auf.
Oder so:
„Ich sehe mal bei Facebook nach, dem großen Social-Media-Netzwerk.“

Mag sein, dass der Autor glaubt, seine Zielgruppe sei deutlich im Rentenalter angesiedelt. Doch selbst wenn man als Autor davon ausgeht, dass ein Leser oder eine Leserin vielleicht nicht weiß, wer oder was Facebook ist, so ist er oder sie durchaus in der Lage, sich darüber zu informieren. So viel sollte man seinen Lesern schon zutrauen.

Praxis: Dialog

Dialoge sind beim Schreiben von Prosa meist von ganz zentraler Bedeutung. Sie eignen sich gut dazu, die Handlung voranzutreiben, und sie sorgen für einen guten Lesefluss. Aber gerade beim Schreiben von Dialogen gibt es eine Reihe Fallstricke. Und das fängt bei ganz formalen Dingen an – wie der nun folgende Dialog zeigen soll.

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„Ich finde das super. Ich kann hier reden und reden, und die Inquit-Formel kommt erst ganz am Ende. Das mag ich, das sieht klasse aus, als hätte ich ganz viel zu sagen und wäre ganz wichtig. Wirklich, ich fühle mich großartig dabei, schon viereinhalb Sätze, und jetzt kommt erst die Inquit-Formel“, sagte das schlechte Beispiel.
„Das glaube ich gern“, warf das gute Beispiel ein. „Aber für den Leser ist das nicht so schön, und das weißt du auch, oder?“
„Nein“, log das schlechte Beispiel.
„Ach komm, das ist doch Quatsch“, gab das gute Beispiel zurück. „Lüg mich nicht an. Und mach es dem Leser nicht so leicht – ‚lügen‘ sollte man als Inquit-Formel nun wirklich nicht benutzen.“
„Ich weiß nicht, was du meinst“, lächelte das schlechte Beispiel.
Das gute Beispiel schüttelte den Kopf. „Das wird ja immer schlimmer. Wie kann man denn einen Satz ‚lächeln‘?“
„Tja.“
Das schlechte Beispiel zuckte die Achseln.
„So ist das eben.“
„Moment mal.“ Das gute Beispiel sah das schlechte entgeistert an. „Was machst du denn jetzt? Wie soll der Leser denn da noch erkennen, wer was sagt und wer was tut?“ Es schüttelte den Kopf. „Weißt du nicht, dass man die Handlung des Sprechenden nicht durch Zeilenumbruch von dessen Dialogzeilen trennt?“
„Na gut, merke ich mir. Aber du machst mich ganz müde – ich muss gähnen und die Arme über dem Kopf ausstrecken“, sagte das schlechte Beispiel.
„Meinetwegen. Aber das musst du doch nicht sagen. Tu’s doch einfach! Im echten Leben würde das doch auch keiner sagen.“
„Hast ja Recht“, sagte das schlechte Beispiel.
„Ich weiß.“
„Besserwisser“, sagte das schlechte Beispiel leise.
Das gute Beispiel hob eine Augenbraue. „Noch etwas.“
„Was denn nun noch“, sagte das schlechte Beispiel.
„‚Sagte‘, ‚sagte‘, ‚sagte‘ … Ein bisschen Abwechslung bei der Inquit-Formel schadet auch nicht. Eben zum Beispiel hättest du dein ‚Besserwisser‘ ebenso gut ‚flüstern‘ können. Hast du ja eigentlich auch.“
„Hast Recht“, antwortete das schlechte Beispiel.
„Meisnt du das ernst?“
„Klar“, antwortete das schlechte Beispiel.
Das gute Beispiel sah sein Gegenüber streng an. „Hast du das alles tatsächlich verstanden?“
„Ja doch“, antwortete das schlechte Beispiel.
„Versprochen?“
„Versprochen“, antwortete das schlechte Beispiel.
Antwortete, antwortete … Das gute Beispiel seufzte. Das andere blieb eben doch, was es war – ein schlechtes Beispiel.

Auf in die Praxis

Es soll hier nicht nur darum gehen, wie andere ihren Weg gefunden haben. Ein paar konkrete Tipps aus der Praxis will ich ja auch vermitteln. Als Nächstes folgt deshalb der erste von hoffentlich vielen Praxis-Posts – das sind oft Dinge, auf die sogar die Profis noch achten. Umso besser, wenn man möglichst früh anfängt, sich damit zu beschäftigen; denn zum Schreiben gehört nicht nur Begabung, sondern auch Handwerkszeug.