Der Roman ist nichts für jeden – Mut zur Kurzform!

8y0edx4vp9-green-chameleon.jpgDer Roman ist und bleibt für die meisten die „Königsdisziplin“ der westlichen Literatur. Na gut, zumindest der deutschsprachigen Literatur. In Literatursendungen wie Druckfrisch oder dem Literaturclub werden fast nur Romanautoren vorgestellt und Romane besprochen (sowie hin und wieder ein Sachbuch), und der Deutsche Buchpreis, der sicherlich renommierteste Preis im deutschsprachigen Literaturbetrieb, Weiterlesen

Manuskript einsenden: die Leseprobe

8Y0EDX4VP9 Green ChameleonMit dem Exposé schickt man in der Regel eine Leseprobe mit. Trotzdem: Diesen Schritt zu wagen, bevor das Buch fertig ist, ergibt schon deshalb keinen Sinn, weil man im besten Fall aufgefordert wird, umgehend das ganze Manuskript zu schicken, und wenn man dann sagen muss: „Entschuldigung, die letzten drei Kapitel sind noch nicht fertig“, war alle Mühe umsonst.

In seltenen Fällen wird man sogar von vorneherein gebeten, gleich das ganze Manuskript zu schicken. Das sind aber wirklich Ausnahmen, und zwar aus gutem Weiterlesen

This is the end

Eine gute Faustregel für das Ende eines Textes lautet: Es muss den Leser überraschen, aber es darf dennoch kein Weg daran vorbeiführen.

Soll heißen: Wenn man den Roman (die Erzählung, die Kurzgeschichte) hinterher noch einmal Revue passieren lässt, sollte der Leser zwar einerseits denken: „Damit hätte ich jetzt nicht gerechnet.“ Aber gleichzeitig soll ihm das Ende so logisch vorkommen, dass er nicht dasitzt und sagt: „Also, das hätte aber anders ausgehen können. Warum hat X nicht dies und jenes getan?“ Stattdessen sollte das Ende in der Rückschau geradezu zwingend notwendig sein, auch und gerade wenn es für den oder die Protagonisten ungemütlich wird.

Sehr gut lässt sich das übrigens am Krimi festmachen: Wenn man zu früh weiß, wer der Täter ist, so ist das Ende des Romans (= die Auflösung) nicht mehr interessant, da nicht mehr überraschend. Man muss nicht gleich mit so vielen Twists arbeiten wie Simon Beckett, aber überraschen sollte man den Leser auf jeden Fall, und sei es mit einem Ende nach dem eigentlichen Ende (wie man es auch aus dem Horrorfilm kennt). Für Thriller gilt das natürlich erst recht – hier gibt es sogar die Faustregel, dass das Buch spätestens 10 Seiten nach dem letztendlichen Lösen des Konflikts zu Ende sein muss.

Abseits der Genreliteratur ist es da indes nicht ganz so einfach. Sicher, man hat eine bestimmte Geschichte, die man erzählen will. Aber wo ist der Anfang, wo das Ende? Wie Graham Greene schrieb:

Eine Geschichte hat weder Anfang noch Ende: Man wählt immer ganz zufällig einen Moment aus, von dem aus man zurück und nach vorne schaut.

Je offener man das Ende lassen möchte, desto schwieriger wird es erfahrungsgemäß, sich für einen Punkt zu entscheiden, an dem man abbricht. Es gibt durchaus Autoren, die schlussendlich sogar die letzten ein, zwei Kapitel ihres Romans verworfen haben, und das kann eine genauso richtige Entscheidung sein wie die ersten Kapitel zu streichen.

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Es gibt auch hier natürlich wieder Ausnahmen, sogar sehr prominente. So ist das Ende weder bei Moby Dick noch bei Ulysses streng genommen sehr überraschend. Aber das kann die Regel natürlich nur bestätigen …

Praxis: kurz anfangen

Sicherlich, im Literaturbetrieb, gerade im kommerziellen, spielen Kurzgeschichten und Erzählungen kaum eine Rolle. Auf den Belletristik-Bestsellerlisten und auf den Tischen der Buchhandlungen findet man im Grunde genommen nur Romane (per Definition: fiktionale Texte von mehr als 120 Seiten Umfang). Dennoch sollte man sich, gerade als Anfänger, nicht sofort auf die lange Form stürzen, sondern mit kürzerer Prosa anfangen. Als „Fingerübung“ ist eine kurze Erzählung viel besser geeignet als ein riesiges Werk, an dem man u. U. mehrere Jahre sitzt – man kann seinen Stil ausprobieren, einen Plot entwickeln, der keine 200 Seiten oder mehr tragen muss, und auch Dinge wie Dialoggestaltung üben. Und man bekommt schneller gutes Feedback. Vor allem in Internetforen erhält man weitaus mehr Reaktionen, mit denen man etwas anfangen kann, wenn man eine kurze Erzählung einstellt, als bei einer Leseprobe aus einem Roman. Für die Leser ist etwas Abgeschlossenes zu diesem Zeitpunkt meist ohnehin interessanter.

Obendrein kann man eine kurze Erzählung gut bei Lese-Events vortragen oder versuchen, sie in Literatur-Zeitschriften zu veröffentlichen. Und es gibt zahlreiche entsprechende Wettbewerbe und auch Stipendienprogramme wie das LiLaWo, wo sich Kurzprosa gut für eine Bewerbung eignet.

Natürlich kann es auch hier nicht schaden, sich inspirieren zu lassen bzw. durch viel, viel Lektüre ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie man eine kurze Geschichte oder eine Kurzgeschichte (das ist durchaus ein Unterschied!) aufbaut und schließlich selbst schreibt. Neuere Bände mit großartiger kürzerer Prosa und Erzählungen gibt es z. B. von Finn-Ole Heinrich, Julia Schoch oder Michael Weins. Oder aber man orientiert sich ganz klassisch (und gratis im Netz), z. B. bei Kafka oder Poe.