Jugendbuch … oder was?

Wir brauchen Schubladen, überall in unserer Gesellschaft. Und der Buchmarkt ist dabei keine Ausnahme: Wer mit seinem Manuskript auf Verlagssuche geht, der muss es in eine Schublade einordnen können.

Wie man damit aber sozusagen in die Zwickmühle kommt, zeigt der schöne Debüt-Roman von Florian Wacker, Dahlenberger, der in diesem Sommer erschienen ist und beim Verlag Jacoby & Stuart in der Sparte „Jugendbuch“ läuft. Man sieht schon dem Cover an, dass der Roman als Jugendbuch gehandelt wird: Dort stehen Autor, Titel und Verlag, aber es fehlt das Wort „Roman“.

Meiner Meinung nach ist es kein Jugendbuch, sondern schlicht ein Roman. Erst nach der Lektüre sah ich eine Besprechung in der ZEIT, und als da das Wort „Jugendbuch“ fiel, war ich wirklich erstaunt. Dabei hätte ich es besser wissen müssen: Sobald die Protagonisten eines Romans bis etwa 21 Jahre alt sind, will der Buchmarkt ihn heutzutage als Jugendbuch definieren. Dass der Autor das anders sieht (hier gibt es mein Interview mit ihm, da erzählt er mehr darüber), ist nicht verwunderlich. Und auch schon Finn-Ole Heinrich weist immer wieder darauf hin, dass er keine Kinderbücher schreibt, sondern Bücher, in denen die Helden Kinder sind.

Schauen wir etwas weiter zurück in der Literaturgeschichte, stellt sich dieses Problem in der Form nicht. Musils erster Roman, Die Verwirrungen des Zöglings Törleß, ist alles, nur kein Jugendbuch. Romeo und Julia sind noch keine achtzehn, aber niemand würde darauf kommen, Shakespeares Stück ein „Jugenddrama“ zu nennen. Hans Castorp, der Protagonist des Zauberbergs, ist 22 Jahre alt. Und auch Goethes Junger Werther dürfte nicht viel älter als Anfang zwanzig sein.

Immerhin, ein Gutes hat es für Florian Wacker: Dahlenberger ist als eines von drei Büchern für den renommierten Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Oldenburg nominiert. Und das geht natürlich nur als Jugendbuch.

Show, don’t tell

Dieses Schlagwort hört man immer wieder. Es gehört zu den goldenen Regeln, die man in jedem Schreibratgeber liest. Aber was soll einem das eigentlich genau sagen? Und darf man nicht hier und da doch lieber „tellen“, wenn einem nicht so nach „showen“ ist?

Grundsätzlich geht es darum, dass man dem Leser Informationen vermitteln möchte. Das ist wohl bei jeder Art Text der Fall. Die Herausforderung, aber auch der große Vorteil von literarischen Texten jedoch ist es, dass man als Autor dem Leser diese Informationen nicht vorsetzen muss wie dem Hund sein Chappi (dann wäre man nämlich bei der Bildzeitung). Sondern dass uns zahllose Möglichkeiten zur Verfügung stehen, dies auf andere Art und Weise zu tun.

Warum werden diese Möglichkeiten dann aber (vor allem von Anfängern) oft nicht genutzt? Logisch: Weil es anstrengender ist, sich Gedanken zu machen über das, was man schreiben möchte und wie man es schreibt, als es einfach nur zu schreiben.

Aber Literatur entsteht halt nicht durch „Runterschreiben“. Sie entsteht durch Überlegung und Überarbeitung.

Eine Lektorin aus einem großen Kinder- und Jugendbuchverlag sagte mir einmal: „Kinder denken nicht.“ Das war gar nicht böse gemeint, sondern es ging wieder einmal um „Show, don’t tell“ – sie sagte, sie würde einen Satz wie: „Jonas wurde ganz traurig“ immer ändern wollen zu: „Jonas lief eine Träne übers Gesicht.“ Und wenn ich ehrlich bin, gefällt mir die zweite Variante in jedem Fall besser, nicht nur im Jugendbuch.

Eine Möglichkeit, die allzu platte Übermittlung von Informationen zu vermeiden, ist wichtige Elemente der Handlung in die Dialoge zu legen. Das birgt dann höchstens wieder die Gefahr, dass man in die „Hörspielfalle“ tappt.

Was aber, wenn man gar keine Dialoge schreiben will und sich auch sonst eher von außen seinen Figuren und seinem Plot nähern möchte? Da wir ja beim Schreiben alles dürfen und auch gegen jede Regel verstoßen können, so wir sie denn kennen, spricht natürlich nichts dagegen. Wir sollten uns aber immer und jedes Mal überlegen: Muss der Leser das, was wir ihm jetzt hier mitteilen, eigentlich wissen? Bzw. muss er es so genau wissen?

Im Zweifelsfall sollte man immer Voltaire im Hinterkopf haben, der einmal sagte: „Der Schlüssel dazu, ein Langweiler zu sein, ist, alles zu verraten.“