Überarbeiten!

HX6YSHGXRB Camille KimberlyEs ist heute tatsächlich immer mehr so, dass Verlage, selbst große Publikumsverlage, erwarten, dass ein Manuskript, das sie veröffentlichen sollen, schon „druckfertig“ ins Haus kommt. Tatsächlich beschränkt sich das zumeist von externen Lektoren durchgeführte Lektorat heute oft auf ein Korrektorat, was sicherlich auch damit zu tun hat, dass die Verlage den externen Lektoren (zumindest deren Auffassung nach) nicht genug zahlen.

Wie dem auch sei, wenn man einen Text fertig geschrieben hat, ist er in den seltensten Fällen eben das: fertig. Für einen Neuling im literarischen Geschäft ist das oft schwerer einzusehen als für „alte Hasen“ – ein Lektor eines großen Literaturverlags erzählte mir einmal, dass er mit den Autoren von Debütromanen mit Abstand die größten Probleme habe. Allzu oft herrscht bei jenen offenbar noch eine Art „Genie“-Gedanke vor, nach dem Motto: Der Text ist ein Teil von mir, da darf mir keiner sagen, dass ich daran etwas ändern soll. Höchstens leichte Vorschläge machen. Aber bitte nicht zu viele. Dass Schreiben auch Handwerk ist, muss man erst einmal lernen.

Man muss nun nicht so weit gehen wie Ernest Hemingway, der der Auffassung war:

„Der erste Entwurf jedes Textes ist Mist.“

Aber dass jemand einen druckfertigen Text hinlegt, an dem nichts mehr zu ändern, zu verbessern, zu überarbeiten ist, das ist selten, vielleicht sogar nie der Fall. Von Stefan Zweig heißt es, er habe von 10 geschriebenen Seiten 8 hinterher wieder verworfen, und von Otfried Preußler ist das schöne Zitat überliefert, der Papierkorb sei „das wichtigste Haustier des Schriftstellers“. Ich persönlich habe nicht einmal nach dem Druck eines Romans das Gefühl, das er fertig ist – bei den ersten Lesungen kritzele ich immer noch mit dem Bleistift im Buch herum, weil ich dies oder das inzwischen anders machen würde. Umso mehr gilt das für die Erstfassung. Chris Baty, der Schöpfer des National Novel Writing Month, hat nicht ganz Unrecht, wenn er sagt:

„Die Rohfassung eines Romans ist wie Brotteig – man muss ihn oft und heftig durchkneten, damit er aufgeht.“

Einen Roman zu schreiben, ist eine große Leistung, ganz klar. Das, was man zu Papier gebracht hat, auf Herz und Nieren zu prüfen, also Wortwiederholungen auszumerzen, sich Spannungsbögen und Figurenzeichnung anzugucken, noch einmal zu checken, ob überall die Erzählperspektive stimmt … all das mag lästig erscheinen, kann aber auch Spaß machen. Und wenn man noch am Anfang seiner Autorenkarriere steht und mit seinem Text zum ersten Mal an einen Verlag oder Agenten herantritt, kann er gar nicht gut genug sein, auch in formaler Hinsicht.

Das unverlangt eingesandte Manuskript

Die meisten Verlage nehmen sogenannte „unverlangt eingesandte Manuskripte“ entgegen. Oft steht auf der Webseite eines Verlags ziemlich genau, was man darunter zu verstehen hat. Auf der Webseite von Hoffmann & Campe z. B. heißt es:

Übersenden Sie zunächst nur ein Exposé und die ersten 30 Seiten (30 Zeilen à 60 Anschläge, einseitig / anderthalbzeilig beschrieben) als Leseprobe – das gesamte Manuskript bitte nur nach Aufforderung.

Das ist ein ziemlich übliches Procedere. Das Schlimmste, das man tun kann, ist ein komplettes Manuskript einzuschicken. Mehr als 10–12 Seiten von einem Manuskript schaut sich der Volontär oder Praktikant des Lektors (der Lektor selbst hat für unverlangt eingesandte Manuskripte nur in den allerseltensten Fällen Zeit) meist ohnehin nicht an.

Üblicherweise braucht ein Verlag dann um die vier Monate, bis man eine Absage erhält, manche antworten auch gar nicht. Zurückgesandt wird von dem Eingesandten i. d. R. ohnehin nichts – wenn ein Publikumsverlag im Jahr um die 4000 unverlangt eingesandte Manuskripte bekommt, kann man sich leicht ausrechnen, warum.

Ein Lektor in einem großen Verlag erzählt mir neulich, in den zehn Jahren, die er seinen Posten hat, hätten sie aus keinem einzigen unverlangten Manuskript ein Buch gemacht. Und das seien immerhin um die 30.000 Stück gewesen. Nur: Wenn daraus ohnehin nichts wird, warum nehmen die Verlage dann noch diese Manuskripte an?

Viele sehen es nach wie vor als Serviceleistung an, sich Manuskripte schicken zu lassen und auch (in welcher Form auch immer) zu sichten. Andere scheuen vielleicht davor zurück, potenzielle Autoren als Leser zu verprellen. Dennoch gehen viele, vor allem kleinere, Verlage inzwischen dazu über, sich gar keine Manuskripte mehr schicken zu lassen. So heißt es bei Jacoby & Stuart auf der Webseite:

Bis auf weiteres können wir leider keine unverlangten Manuskripte annehmen!

Das ist immerhin ziemlich ehrlich. Aber man darf nicht vergessen, dass es auch Ausnahmen gibt: Das Blütenstaubzimmer, Zoë Jennys Debütroman, für den sie 1997 den Aspekte-Literaturpreis erhielt, kam beispielsweise als unverlangt eingesandtes Manuskript zur Frankfurter Verlagsanstalt. Und auch Alina Bronskys Scherbenpark traf unverlangt bei Kiepenheuer & Witsch ein und war bei Erscheinen (2008) Spitzentitel der Verlagsvorschau. Für dieses Jahr wäre Julia Wolfs Debüt Alles ist jetzt zu nennen (wieder Frankfurter Verlagsanstalt).

So lange solche Ausnahmen die Regel bestätigen, werden Verlage nach wie vor unverlangt eingesandte Manuskripte annehmen. Und so lange kann man Glück haben. Wenn die Chance auch zugegenermaßen sehr gering ist, über diesen Weg einen Verlagsvertrag zu bekommen.

Drei Fragen an den Lektor: Volker Neumann (KBV)

Was ist Ihr wichtigster Tipp für angehende Autoren?

Die Frage nach der eigenen Motivation muss klar sein. Und dafür braucht es Ehrlichkeit gegen sich selbst: Warum schreibe ich das Buch, warum möchte ich, dass es veröffentlicht wird? Schreibe ich wirklich für den Leser, also um gelesen zu werden? Ist das Schreiben wirklich eine Leidenschaft, für die ich viel zu opfern bereit bin? Weiterlesen