Schreiben? Erleben!

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In einem vielbeachteten Artikel in der ZEIT schrieb sich Florian Kessler vor einiger Zeit geradezu den Frust von der Seele. „Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!“ hieß der Beitrag, und es ging um die Tatsache, dass die junge deutsche Literatur, vor allem in Form der Absolventinnen und Absolventen der Studiengänge in Hildesheim und Leipzig, immer gleichförmiger werde, geradezu „brav und Weiterlesen

Schreibende übers Schreiben – Zitat 30

„Kunst dient dem Menschen dazu, das Leben erträglicher zu machen. Wenn man eine Kunst ausübt, egal wie gut oder schlecht, hilft das der Seele beim Wachsen (…). Erzähl eine Geschichte! Schreib ein Gedicht für einen Freund, auch wenn es ein furchtbares Gedicht wird! Aber tu es so gut, wie du nur irgend kannst. Auf dich wartet eine großartige Belohnung: Du wirst etwas geschaffen haben.“ (Kurt Vonnegut)

Wo ein Wille ist, ist auch ein Text

Wie fängt man an, einen Text zu konzipieren? Einer der, wie ich finde, gewinnbringendsten Ansätze ist, bei der Motivation der Figuren zu beginnen.

In jeder guten Geschichte geht es darum, dass die Hauptfigur etwas will. In „Der alte Mann und das Meer“ will Santiago um jeden Preis den Marlin fangen, im „Fänger im Roggen“ will Holden Caulfield der feindlich-oberflächlichen Welt seiner Highschool entfliehen. Odysseus will nach Hause, Sherlock Holmes will Rätsel lösen, Harry Potter will die Welt retten, genau wie James Bond in den Romanen von Ian Fleming. Und „Herr Lehmann“ will hauptsächlich seine Ruhe. Zwischen diesen Extremen kann die Motivation des oder der Protagonisten liegen.

V8A98C0U96 Aaron BurdenMan muss sich nicht immer große Gedanken darüber machen, was in einem Text alles passieren kann, soll und muss, damit er spannend oder interessant ist. Viel wichtiger ist es, dem Personal, das diesen Text bzw. seine Handlung zum Leben erwecken wird, zunächst selbst einmal Leben einzuhauchen, in Form einer eigenen Motivation.

Manchmal braucht es dann auch gar keine großen Verrenkungen im Plot, sondern es entstehen ganz einfache, aber gerade deshalb sehr lesenswerte Texte. Wer so einen lesen möchte, dem sei der vor Kurzem erschienene Roman von Kristine Bilkau, „Die Glücklichen“, empfohlen, bei dem die Protagonisten vor allem wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. Was es aber nicht tut – wäre dann wohl auch etwas wenig für einen Roman.

Talent – oder nicht?

Festzustellen, ob man selbst Talent zum Schreiben hat? Das ist schwieriger, als es sich anhört. Die Werke wenig begabter Autorinnen und Autoren füllen die virtuellen Regale des Kindle Store in gleichem Maße wie Stimmen wenig begabter Sängerinnen und Sänger die DSDS-Castingshows. Und es gibt noch weitere Parallelen: Bei DSDS muss man nicht der beste Sänger sein, um zu gewinnen, man muss sich nur besonders gut von RTL präsentieren (und hinterher vermarkten) lassen. Ähnlich ist es mit dem Buchmarkt: Bei der vorletzten „Druckfrisch“-Sendung (ARD) hat Denis Scheck von den zehn Titeln der aktuellen Belletristik-Bestsellerliste acht verrissen. Hier kommt auch viel Mittelmäßiges – oder schlichtweg Schlechtes – ganz nach oben, aber es stammt zumeist von Autorinnen und Autoren, die sich gut zu verkaufen wissen und die von ihrem Verlag gut vermarktet werden.

Wenn man anfängt zu schreiben und seine Werke nur den engsten Freunden oder der Familie zeigt, wird man viel wohlwollende Kritik (oder einfach pure Begeisterung) ernten, aber mitunter ist der Effekt dann derselbe wie bei einem krächzenden Knaben beim DSDS-Casting, der Bohlen & Co. gegenüber beteuert: „Alle sagen, ich kann voll gut singen.“ Man braucht möglichst objektive Kritik, und die findet man selten im engsten Umfeld.

Etwas objektivere Kritik bekommt man spätestens dann, wenn man sein Manuskript an einen Verlag schickt. Zumindest vermeintlich objektive Kritik. Aber diese fällt in den allerseltensten Fällen so aus, wie man es sich erhofft hat – was schon daran liegt, dass die Verlage zu viele unverlangt eingesandte Manuskripte bekommen. So kassierte z. B. Robert Schneider für Schlafes Bruder zunächst Absagen von 24 Verlagen. Inzwischen wurde der Roman in 36 Sprachen übersetzt. Man muss eben immer zur rechten Zeit am rechten Ort sein.

Bevor man den zweiten Schritt vorm ersten macht und an einen Verlag herantritt, sollte man sich zunächst einmal Gleichgesinnte suchen, denen man seine Texte zeigt. Andere Schreibbegeisterte findet man heutzutage über das Internet viel schneller als früher zur „analogen“ Zeit, und genauso einfach ist es, untereinander Texte auszutauschen und zu kommentieren.

Danheben gibt es Wettbewerbe, Stipendienprogramme, offene Lesebühnen, Literaturzeitschriften … Für die Auseinandersetzung mit der Verlagswelt bleibt immer noch Zeit, und die sollte man sich auch nehmen.

Denn als Autor braucht man vor allem eines: Geduld.