Praxis: Charakterzeichnung

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Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt.

So beginnt der Untertan von Heinrich Mann (1918). Die ersten Absätze des Romans beschreiben, wie Heßling aufwächst, und jedes kleine Detail, sein Charakter, was er erlebt und wie er sich verhält, auf seine Umwelt reagiert – all das charakterisiert diese literarische Figur und bestimmt ihren weiteren Werdegang. Es ist eines der eindrucksvollsten Beispiele von Figurenpsychologie, die ich kenne. Weiterlesen

Praxis: originell sein

Originell zu sein ist gar nicht so leicht. Ich habe schon von vielen Autoren gehört (und kenne es auch von mir selbst), dass man immer mal wieder das Gefühl hat: Das, was ich hier tue, haben schon tausend andere gemacht. Natürlich muss ein Text, den man schreibt, in irgendeiner Form originell sein, sonst bräuchte man ja gar nicht erst anzufangen. Aber was ist Originalität denn überhaupt? Weiterlesen

Das Hamburger Dogma

In den letzten Jahren ist es still geworden ums Hamburger Dogma – genau wie um sein filmisches Vorbild, das Dogma 95 von Lars von Trier, Thomas Vinterberg & Co. Bei beiden künstlerischen Konzepten ging es darum, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und überflüssigen Schickschnack in der Kunst wegzulassen. Bei den Dogma-Filmen wie Das Fest oder Mifune gab es keine Filmmusik, es wurden nur Handkameras verwendet, Filter oder Effekte kamen nicht in Frage. Weiterlesen

Praxis: Figurenbau

Man muss seine Figuren kennen, das ist das A und O, und darum kommt kein Autor herum. Egal wie plot driven ein Roman ist (z. B. ein Krimi oder Thriller), wenn die Figuren nicht nachvollziehbar sind, wenn sie wie Abziehbilder wirken, man sie nicht „vor sich sieht“, entsteht einfach kein guter Text.

Damit ist nicht gemeint, dass man sie so gut wie möglich beschreiben muss. Man kann seine Figuren auch ohne langatmige Beschreibungen charakterisieren, z. B. dadurch, wie sie mit anderen im Dialog interagieren – überhaupt sind die Beziehungen der Figuren untereinander sehr wichtig. Weiterlesen

Show, don’t tell

Dieses Schlagwort hört man immer wieder. Es gehört zu den goldenen Regeln, die man in jedem Schreibratgeber liest. Aber was soll einem das eigentlich genau sagen? Und darf man nicht hier und da doch lieber „tellen“, wenn einem nicht so nach „showen“ ist?

Grundsätzlich geht es darum, dass man dem Leser Informationen vermitteln möchte. Das ist wohl bei jeder Art Text der Fall. Die Herausforderung, aber auch der große Vorteil von literarischen Texten jedoch ist es, dass man als Autor dem Leser diese Informationen nicht vorsetzen muss wie dem Hund sein Chappi (dann wäre man nämlich bei der Bildzeitung). Sondern dass uns zahllose Möglichkeiten zur Verfügung stehen, dies auf andere Art und Weise zu tun.

Warum werden diese Möglichkeiten dann aber (vor allem von Anfängern) oft nicht genutzt? Logisch: Weil es anstrengender ist, sich Gedanken zu machen über das, was man schreiben möchte und wie man es schreibt, als es einfach nur zu schreiben.

Aber Literatur entsteht halt nicht durch „Runterschreiben“. Sie entsteht durch Überlegung und Überarbeitung.

Eine Lektorin aus einem großen Kinder- und Jugendbuchverlag sagte mir einmal: „Kinder denken nicht.“ Das war gar nicht böse gemeint, sondern es ging wieder einmal um „Show, don’t tell“ – sie sagte, sie würde einen Satz wie: „Jonas wurde ganz traurig“ immer ändern wollen zu: „Jonas lief eine Träne übers Gesicht.“ Und wenn ich ehrlich bin, gefällt mir die zweite Variante in jedem Fall besser, nicht nur im Jugendbuch.

Eine Möglichkeit, die allzu platte Übermittlung von Informationen zu vermeiden, ist wichtige Elemente der Handlung in die Dialoge zu legen. Das birgt dann höchstens wieder die Gefahr, dass man in die „Hörspielfalle“ tappt.

Was aber, wenn man gar keine Dialoge schreiben will und sich auch sonst eher von außen seinen Figuren und seinem Plot nähern möchte? Da wir ja beim Schreiben alles dürfen und auch gegen jede Regel verstoßen können, so wir sie denn kennen, spricht natürlich nichts dagegen. Wir sollten uns aber immer und jedes Mal überlegen: Muss der Leser das, was wir ihm jetzt hier mitteilen, eigentlich wissen? Bzw. muss er es so genau wissen?

Im Zweifelsfall sollte man immer Voltaire im Hinterkopf haben, der einmal sagte: „Der Schlüssel dazu, ein Langweiler zu sein, ist, alles zu verraten.“